Topologie des Scheiterns

In den klimatisieren, sterilen Korridoren der Konzernzentralen wird das Wort „Reskilling“ derzeit wie eine monströse Hostie herumgereicht. Man konsumiert sie in der Hoffnung auf Erlösung von der digitalen Obsoleszenz. Die Personalabteilungen, diese fröhlichen Totengräber des menschlichen Verstandes, operieren dabei mit der rührenden Naivität von Kleinkindern, die glauben, ein Angestellter sei ein modularer Baukasten aus Lego. Man entfernt den Baustein „Buchhaltung“, klickt den Baustein „Data Science“ ein, und erwartet, dass das Konstrukt am nächsten Morgen reibungslos funktioniert. Es ist eine Beleidigung der Biologie.

Die Realität des Arbeitsmarktes gleicht jedoch weniger einem Spielplatz als vielmehr einer überfüllten Regionalbahn am späten Freitagnachmittag: Es riecht nach kaltem Schweiß, die Luft ist verbraucht, und die einzige verlässliche Konstante ist die Verspätung, mit der wir unsere Ziele erreichen. Wer glaubt, man könne eine menschliche Biografie so einfach umschreiben wie ein fehlerhaftes Word-Dokument, hat die fundamentale Trägheit der Materie nicht verstanden. Wir sprechen hier nicht von linearen Karrierepfaden, sondern von einem Transportproblem auf einer hochgradig gekrümmten, feindseligen Oberfläche.

Die Metrik der Verzweiflung

Betrachten wir dieses Desaster durch die gnadenlose Brille der Informationsgeometrie. Kompetenzen sind keine flachen Listenpunkte auf LinkedIn, sondern Koordinaten auf einer statistischen Mannigfaltigkeit. Die Fisher-Informationsmatrix dient hierbei als das Maßband für das Leiden. Sie misst den lokalen Widerstand des Raumes gegen Veränderung. Wenn Sie versuchen, die neuronale Struktur eines geisteswissenschaftlich gebildeten Texters in die Logik eines Backend-Entwicklers zu pressen, bewegen Sie sich nicht auf einer Ebene. Sie versuchen, eine Wahrscheinlichkeitsverteilung über einen Gebirgspass zu schieben, dessen Geometrie darauf ausgelegt ist, Sie in den Abgrund zu stürzen.

Der „Abstand“ zwischen zwei Fähigkeiten ist in diesem Raum durch die Menge an kognitiver Schmerzenergie definiert, die zur Überbrückung notwendig ist. Es ist der ontologische Graben zwischen einer fettigen Currywurst an einer Berliner Ecke und der molekularen Dekonstruktion einer Jakobsmuschel. Beides ist Nahrung, sicher. Aber der Versuch, den Magen, der an die brutale Ehrlichkeit von billigem Ketchup und Frittierfett gewöhnt ist, plötzlich auf die subtilen Nuancen von Stickstoff-Schaum zu eichen, führt nicht zu Genuss, sondern zu physiologischem Schock. Die Krümmung ist zu stark. Der Versuch, diese Distanz im Eiltempo eines Wochenend-Seminars zu überwinden, hinterlässt nichts als geistige Übelkeit und das Gefühl, innerlich zerrissen zu werden.

Herrgott, dieser Riesling schmeckt, als hätte man ihn durch eine alte Socke gefiltert. Aber er betäubt zumindest die Synapsen, was in meiner jetzigen Lage wohl das Beste ist.

Reibungswärme der Seele

Hier kollidiert die Naivität des Managements mit der Theorie des optimalen Transports – dem klassischen Monge-Kantorowitsch-Problem. Konzerne versuchen verzweifelt, die „Humankapital-Masse“ von unrentablen analogen Sektoren in die glitzernden Versprechungen der digitalen Zukunft zu verlagern. Sie wollen die Wasserstein-Distanz minimieren, die Kosten des Transports von „Mensch A“ zu „Ressource B“. Doch sie ignorieren die Thermodynamik. Jeder erzwungene Transport erzeugt Reibungswärme. In diesem Fall ist die Reibung der langsame, knirschende Zerfall der menschlichen Psyche.

Man zwingt einen alten Dieselmotor, mit Champagner zu laufen. Das Resultat ist kein Luxusantrieb, sondern ein verklebter Kolbenfresser. Wir sehen die Opfer dieser brutalen Geometrie überall: Männer Mitte vierzig, deren Augenringe tiefer sind als ihre Rentenansprüche, die verzweifelt versuchen, agile Methoden zu verinnerlichen, während ihr innerer Kompass nur noch wild rotiert. Um diesen strukturellen Kollaps zu kompensieren, kaufen sie sich dann panisch einen ergonomischen Bürostuhl für den Preis eines gebrauchten Kleinwagens. Sie sitzen auf 1.500 Euro teurem Mesh-Gewebe, das ihre Lendenwirbelsäule stützt, während ihr Frontallappen unter der Last der kognitiven Dissonanz implodiert. Es ist der moderne Ablasshandel: Man opfert ein Monatsgehalt für das Sitzmöbel, in der frommen Hoffnung, die Wirbelsäule möge verzeihen, was der Kapitalismus dem Geist antut.

Die sogenannte „Skill-Lücke“ ist kein Bildungsdefizit, das man mit E-Learning beheben könnte. Sie ist ein geometrisches Urteil. Je spezialisierter unsere Funktionen werden, desto steiler ragen die Wände zwischen den Disziplinen auf. Der Informationsraum faltet sich. Ein Übergang wird physikalisch unmöglich, weil die benötigte Energie gegen Unendlich geht. Wir sind keine Piloten unseres Lebenslaufs mehr; wir sind nur noch statistisches Rauschen in einer Matrix, die von Optimierungsalgorithmen verwaltet wird, deren Zielfunktion wir längst nicht mehr verstehen. Wir sind Entropie auf zwei Beinen, die darauf wartet, weggekürzt zu werden.

Der Wirt schaut schon wieder so vorwurfsvoll auf mein leeres Glas. Vermutlich habe ich laut gedacht, oder die bloße Anwesenheit meiner Depression senkt den Umsatz der gesamten Bar. Ich sollte zahlen, bevor die Inflation den Wert meiner Münzen noch weiter gegen Null korrigiert.

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