Sie sitzen immer noch hier? Bestellen Sie mir noch ein Bier. Nein, nicht das Weizen, das billige Helle vom Fass. Das schmeckt wenigstens ehrlich nach Hopfenextrakt und Resignation.
Erinnern Sie sich an unser letztes Gespräch über die Logistikketten? Diese elende Currywurst, die wir gegessen haben, liegt mir immer noch schwer im Magen. Ein perfektes Symbol für das, was wir „Öffentlichkeit“ oder „Gemeinwohl“ nennen: Eine Masse aus undefinierbaren Zutaten, zusammengepresst in eine künstliche Haut, die beim ersten Kontakt mit der Realität aufplatzt. Die Leute glauben, Demokratie und öffentliche Konsensfindung seien ein moralischer Prozess. Was für ein metaphysischer Unsinn. Wenn man die Sentimentalität abkratzt, bleibt nichts weiter übrig als ein schlecht konditioniertes Optimierungsproblem in einer hochdimensionalen, nicht-euklidischen Mannigfaltigkeit.
Das Großraumbüro als kognitive Kloake
Schauen Sie sich doch mal in einem modernen Bürokomplex um. Diese gläsernen Särge, in denen die „Stakeholder“ sitzen und „Synergien hebeln“. Man verkauft uns das als Ort der Kooperation. Aber riechen Sie mal genau hin. Es ist nicht nur der Gestank von abgestandenem Filterkaffee, der sich seit drei Stunden in der Thermoskanne in reine Säure verwandelt. Es ist der Geruch von biologischem Verfall. In diesen schlecht belüfteten Konferenzräumen, wo der Sauerstoffgehalt proportional zur Dauer des Meetings gegen Null tendiert, mischt sich das billige Rasierwasser des Abteilungsleiters mit dem Angstschweiß der Praktikanten und dem Ausdünstungen des feuchten Teppichbodens. Das ist die physikalische Realität des „öffentlichen Raums“.
In diesem Biotop versuchen wir, einen Konsens zu finden. Wir nennen das „Meeting“. Mathematisch gesehen ist es der verzweifelte Versuch, auf einer Mannigfaltigkeit mit negativer Krümmung zwei Punkte zu verbinden. Jeder Teilnehmer kommt mit seiner eigenen a-priori-Verteilung, seinem eigenen kleinen Wahan, in den Raum. Wir glauben, wenn wir nur lange genug reden – „brainstormen“ –, würden sich die Geodäten unserer Gedanken irgendwann schneiden. Aber in einem hyperbolischen Raum, und genau das ist eine Sitzung voller Egomanen, divergieren die Geodäten. Je länger man redet, desto weiter entfernt man sich voneinander. Was am Ende als „Ergebnis“ im Protokoll steht, ist kein Schnittpunkt. Es ist lediglich der Punkt, an dem die kollektive Erschöpfung so groß wurde, dass niemand mehr die Kraft hatte, zu widersprechen. Konsens ist keine Übereinstimmung, sondern das thermische Gleichgewicht der Frustration.
Die Krümmung der Inkompetenz
Hier kommt die Informationsgeometrie ins Spiel, auch wenn ich bezweifle, dass der Vorstand den Unterschied zwischen einer Riemannschen Metrik und einem Riesenrad versteht. Betrachten wir die Fisher-Information. Sie ist ein Maß dafür, wie viel „Wissen“ eine Zufallsvariable über einen unbekannten Parameter enthält. In einer idealen Welt wäre der öffentliche Diskurs ein Prozess, der die Fisher-Information maximiert. Wir würden Daten sammeln, Rauschen filtern und die Varianz unserer Unwissenheit minimieren.
Aber die Realität ist eine Supermarktkasse am Samstagabend. Kennen Sie das? Vor Ihnen steht eine Person, die versucht, den Betrag von 12,99 Euro passend in Ein-Cent-Münzen zu bezahlen, während sie gleichzeitig mit der Kassiererin über den Preis der Paprika diskutiert. Die Schlange hinter ihr wächst. Die kollektive Wut steigt exponentiell. Das ist keine Informationsmaximierung. Das ist reine Entropieproduktion. Die „soziale Distanz“ zwischen den Menschen in dieser Schlange lässt sich nicht in Metern messen, sondern als Kullback-Leibler-Divergenz. Und diese Divergenz ist unüberwindbar.
Wenn wir versuchen, die Meinung eines anderen zu ändern, bewegen wir uns gegen den metrischen Tensor seiner Vorurteile. Je dümmer – pardon, je „weniger informiert“ – das Gegenüber ist, desto stärker ist die lokale Krümmung des Raumes. Man kommt nicht gegen diese Gravitation der Dummheit an. Es ist wie der Versuch, eine Autobatterie mit einer Zitrone aufzuladen. Man investiert Stunden an Argumentation, Energie und Lebenszeit, und das einzige Resultat ist, dass einem selbst die Säure ins Gesicht spritzt. Die „Öffentlichkeit“ ist kein flacher Raum der Aufklärung. Sie ist ein zerklüftetes Gebirge aus kognitiven Verzerrungen, wo die kürzeste Verbindung zwischen zwei Meinungen oft ein Wutanfall ist.
Luxus im Sumpf der Bedeutungslosigkeit
Und dann haben wir diese neue Kaste von Managern, diese „Agile Coaches“ und „Scrum Master“, die durch die Flure tanzen. Sie haben das Vokabular der Effizienz gekapert, aber sie verstehen die Thermodynamik nicht. Sie erhöhen nur die Temperatur des Systems, ohne Arbeit zu verrichten. Ich sehe sie in den Cafés sitzen, wie sie ihre „Visionen“ aufschreiben. Sie zücken ein Meisterstück Classique Füllfederhalter mit handgefertigter Goldfeder, ein Instrument von absoluter Präzision und ästhetischer Vollkommenheit, nur um damit Sätze zu notieren wie: „Wir müssen die Customer Journey emotionalisieren.“
Welch eine obszöne Verschwendung von Handwerkskunst. Man benutzt ein Werkzeug, das gebaut wurde, um Verträge für die Ewigkeit zu signieren oder Romane zu schreiben, um die intellektuelle Leere eines Powerpoint-Folien-Entwurfs zu protokollieren. Das ist, als würde man mit einem Skalpell versuchen, einen gefrorenen Acker umzugraben. Die Tinte fließt auf das Papier, schwarz und permanent, und fixiert dort für alle Zeiten die Banalität des menschlichen Geistes. In der Informationsgeometrie entspricht das einer Singularität: Ein Punkt von unendlicher Dichte an Schwachsinn.
Rauschen und Verfall
Wir leben in einer Ära des maximalen Rauschens. Jedes „Feedback-Gespräch“, jede „Bürgerbeteiligung“, jeder Kommentar im Internet erhöht die Unordnung. Ein optimales System würde Rauschen unterdrücken. Aber wir? Wir verstärken es. Wir bauen Lautsprecher an die Wände unserer Echokammern. Wenn Sie nachts wach liegen und den Nachbarn hören, wie er gegen die Wand hämmert oder seine furchtbare Musik spielt, dann hören Sie nicht nur Lärm. Sie hören den Klang einer Gesellschaft, deren soziale Metrik kollabiert ist. Die Empathie, von der alle reden, ist nur ein Schmiermittel, das längst ausgetrocknet ist. Die Zahnräder kreischen.
Ich habe genug. Die Fisher-Informationsmatrix meines Geduldsfadens ist singulär geworden. Ich gehe nach Hause. Nicht, weil es dort besser wäre, sondern weil ich dort zumindest die Parameter meiner eigenen Isolation selbst bestimmen kann. Trinken Sie aus. Das Bier wird warm, und warmes Bier ist der letzte Beweis dafür, dass das Universum nicht an unserem Wohlbefinden interessiert ist. Die Rechnung geht auf mich – betrachten Sie es als meine letzte Investition in eine gescheiterte Infrastruktur.
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