Die Farce der Selbstoptimierung
Man spricht in den gläsernen, klimatisierten Palästen der Personalabteilungen gerne von „lebenslangem Lernen“, als handele es sich dabei um eine Art spirituelle Pilgerreise zur Erleuchtung der totalen Produktivität. Ein rührender Gedanke, nicht wahr? Fast so rührend wie der naive Glaube eines Touristen, dass eine Currywurst an einer Berliner U-Bahn-Station tatsächlich aus hochwertigem Muskelfleisch besteht und nicht aus einer undefinierbaren Emulsion aus Resten und Bindemitteln. In Wahrheit ist das, was man uns als „Karriere“ oder „Skill-Erwerb“ verkauft, nichts weiter als das verzweifelte Scharren eines Hamsters im Rad, während der Preis für den Strom, der dieses Rad antreibt, stündlich steigt.
Wir müssen aufhören, den Arbeitsmarkt mit der soziologischen Romantik des 20. Jahrhunderts zu betrachten. Es ist an der Zeit, der kühlen, informationsgeometrischen Realität ins Auge zu sehen. Wenn wir heute über Kompetenzen sprechen, reden wir eigentlich über Wahrscheinlichkeitsverteilungen in einem hochdimensionalen Raum. Ein Handwerk zu beherrschen bedeutet in der Sprache der Mathematik lediglich, die Varianz in den Ergebnissen zu minimieren. Und hier kommt die Fisher-Information ins Spiel – jene wunderbare Maßzahl, die uns sagt, wie viel „Wissen“ über einen verborgenen Parameter in unseren beobachtbaren Handlungen steckt. Für den modernen Kulis bedeutet das: Wie viel von Ihrer Lebensenergie müssen Sie verbrennen, um die statistische Lücke zwischen Ihrer menschlichen Fehlbarkeit und der algorithmischen Perfektion zu schließen?
Die Krümmung der Armut
Stellen Sie sich diesen Markt nicht als elegante geometrische Fläche vor, sondern als eine überfüllte, nach kaltem Schweiß riechende S-Bahn zur Rushhour. Die „Krümmung“ dieser Riemannschen Mannigfaltigkeit, von der Theoretiker faseln, ist in der Praxis der physische Druck der Leiber gegen die Türen. In einer Welt vor der totalen algorithmischen Dominanz war diese Fläche flach, fast schon euklidisch langweilig. Die Geodäte – der kürzeste Weg von der Unwissenheit zur Meisterschaft – war eine gerade Linie, die man in dreißig Jahren im Halbschlaf abschreiten konnte. Man lernte Bankkaufmann, man blieb Bankkaufmann, man starb, bevor der Automat einen ersetzte.
Heute jedoch hat die Integration maschineller Intelligenz die Topologie unserer Arbeitswelt massiv deformiert. Die Krümmung ist so extrem geworden, dass unsere herkömmlichen Lernpfade wie die Versuche wirken, einen verrosteten Fiat Panda mit einer Handkurbel zu starten, während nebenan eine SpaceX-Rakete abhebt. Die Distanz zwischen „Ich kann Excel“ und „Ich trainiere neuronale Netze“ ist keine Gerade mehr; es ist ein Wurmloch in der Informationsgeometrie, das wir mit bloßem Willen nicht durchqueren können.
Wir hocken in unseren dunklen Home-Office-Ecken, die Finger verkrampft auf einer völlig überteuerten mechanischen Tastatur, deren taktiles Feedback uns vorgaukelt, wir hätten Kontrolle, während unsere Gelenke bei jedem Anschlag knacken wie trockenes Holz im Winter. Jedes Software-Update reißt neue Krater in unsere mühsam erworbenen Fähigkeiten. Es ist ein permanenter Zustand der Entwertung. Was gestern noch als „Expertise“ galt, ist heute nur noch thermisches Rauschen in einer Datenbank, die uns längst vergessen hat.
Geodäten des Verfalls
Der Übergang zur Kollaboration mit Maschinenmodellen ist im Kern die Suche nach der kürzesten Geodäte auf einer Skill-Mannigfaltigkeit, die ständig unter unseren Füßen wegbröckelt. „Reskilling“ ist dabei das zynische Unwort des Jahrzehnts. Es ist ein Euphemismus dafür, dass man von Ihnen verlangt, Ihre kognitive Architektur alle zwei Jahre abzureißen und durch einen billigen Neubau zu ersetzen, nur um mit der Taktfrequenz von Serverfarmen Schritt zu halten, die niemals schlafen müssen und keine Gewerkschaftsbeiträge zahlen.
Besonders amüsant ist die menschliche Hybris, zu glauben, „Intuition“ sei ein metaphysischer Bonus, der uns vor der Obsoleszenz rettet. In der Informationsgeometrie ist Intuition lediglich eine steile Krümmung, die den Informationsgewinn pro Zeiteinheit kurzfristig maximiert, aber langfristig gegen die schiere Rechengewalt des Gradientenabstiegs verliert. Wir versuchen, diese Unzulänglichkeit mit materiellen Krücken zu kompensieren. Wir kaufen uns einen sündhaft teuren ergonomischen Bürostuhl für über 1.500 Euro, dessen Netzrücken uns sanft wiegt, während der Ischiasnerv uns unmissverständlich mitteilt, dass keine Lordosenstütze der Welt den strukturellen Verfall durch 12 Stunden sitzende Angststarre aufhalten kann.
Das ist keine Evolution; das ist eine energetische Verlustrechnung. Wir versuchen, die thermodynamischen Kosten des Lernens zu ignorieren, aber das Universum lässt nicht mit sich verhandeln. Jede neue Kompetenz, die wir uns unter Qualen aneignen, erhöht die Entropie in unserem ohnehin schon überlasteten Nervensystem. Wir feiern uns für „Soft Skills“ und „emotionale Intelligenz“, was in der Sprache der Informationstheorie oft nur „hochgradig unpräzises Rauschen mit emotionalem Überbau“ bedeutet. Am Ende des Tages sind wir keine Architekten unseres Glücks, sondern erschöpfte biologische Einheiten, die auf einen Bildschirm starren und hoffen, dass unsere spezifische Nische auf der Landkarte noch einen Moment lang existiert, bevor der nächste Optimierungszyklus sie glattwalzt. Ich brauche keinen Schnaps mehr, der hilft auch nicht gegen die Mathematik.
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