Osmotischer Horror
Man redet uns in den Chefetagen und Feuilletons gerne ein, das „Wir“ sei eine moralische Errungenschaft, ein warmes Nest der Solidarität. Dabei beginnt das kollektive Bewusstsein für den Durchschnittsbürger meist morgens um halb acht in der S-Bahn, wenn der Schweiß eines fremden Mannes unaufhaltsam in das Gewebe des eigenen Hemdes diffundiert. Das ist keine „Synergie“ und auch kein spiritueller Austausch. Das ist osmotischer Horror. Wir teilen uns den Raum nicht, weil wir eine Vision haben, sondern weil wir statistische Unfälle sind, die zur gleichen Zeit an den gleichen Ort gekarrt werden, um das Bruttosozialprodukt um einen unbedeutenden Bruchteil zu steigern.
Betrachtet man diese unappetitliche Realität durch die Brille der Informationsgeometrie, verfliegt auch der letzte Rest Romantik. Die sogenannte „Öffentlichkeit“ ist kein organischer Körper aus fühlenden Individuen, sondern eine statistische Mannigfaltigkeit. Ein Wahrscheinlichkeitsraum, in dem menschliche Regungen lediglich als Rauschen in der Datenübertragung auftauchen. Was wir als „Konsens“ bezeichnen – dieses heilige Gral der modernen Demokratie und des mittleren Managements – ist in Wahrheit nichts anderes als die schmerzhafte Kapitulation der individuellen Varianz vor der mathematischen Notwendigkeit der Mittelmäßigkeit.
Die Krümmung des Rückgrats
In der Differentialgeometrie beschreibt die Krümmung, wie sehr ein Raum von der flachen Euklidischen Norm abweicht. Im sozialen Gefüge ist diese Krümmung jedoch keine abstrakte Größe. Sie ist physisch spürbar. Sie manifestiert sich in der Art und Weise, wie sich das menschliche Rückgrat verformt, wenn der Vorgesetzte den Raum betritt. Beobachten Sie einmal genau die Anatomie einer Abteilungsleiterrunde, wenn die Quartalszahlen verfehlt wurden. Die Körperhaltung der Anwesenden folgt exakt den Geodäten einer Riemannschen Mannigfaltigkeit, die durch die schiere Masse der Angst vor dem sozialen Abstieg verzerrt wird.
Die Fisher-Informationsmetrik misst hierbei den Abstand zwischen zwei Zuständen der Unterwerfung. Wie viel Information – oder besser: wie viel Würde – muss vernichtet werden, um vom Zustand „Ich habe eine eigene Meinung“ zum Zustand „Ich stimme dem Vorstand vollumfänglich zu“ zu gelangen? Diese Distanz wird nicht in Metern gemessen, sondern in der Anzahl der unbezahlten Überstunden und der Tiefe der Magengeschwüre. Wenn ein Konzern eine neue „Corporate Identity“ durchpeitscht, krümmt er den sozialen Raum so massiv, dass jede abweichende Meinung wie eine Murmel in ein Schwarzes Loch der Alternativlosigkeit rollt. Das ist keine Führungskunst, das ist brutale Topologie.
Es gleicht dem phänomenologischen Erlebnis einer Autobahnraststätte nachts um drei. Man steht vor einer Auswahl an speiseähnlichen Substanzen, die unter Wärmelampen vor sich hin siechen. Niemand will die lauwarme Bockwurst, die schon seit Stunden in ihrem eigenen Fett schwitzt. Aber die Umstände – Hunger, Müdigkeit, die absolute Trostlosigkeit des Ortes – zwingen alle Beteiligten zu einem stillschweigenden Konsens: „Das essen wir jetzt.“ Der soziale Druck und die physische Erschöpfung krümmen den Raum der Möglichkeiten so weit, bis das Widerliche als das einzig Vernünftige erscheint. Wir nicken dem Chef zu, wie wir der Bockwurst zunicken. Nicht aus Überzeugung, sondern weil der Widerstand gegen die Schwerkraft der Verhältnisse zu viel Energie kosten würde.
Metrik der Verschwendung
Warum scheitern wir dennoch daran, diese Prozesse zu optimieren? Weil wir den „Bug“ der menschlichen Existenz ignorieren. Emotionen, Eitelkeiten und Neurosen sind aus der Sicht eines Kühle-Rechners nichts weiter als thermisches Rauschen, das den Gradientenabstieg zur Effizienz stört. Wir versuchen, mit unseren veralteten biologischen Apparaten hochkomplexe stochastische Prozesse zu steuern, und scheitern kläglich.
Es ist ein Schauspiel der absoluten Inkompetenz. Wir rüsten uns mit Statussymbolen aus, um eine Kontrolle zu simulieren, die wir nicht haben. Das ist exakt so, als würde man versuchen, die unberechenbare Flugbahn einer Stubenfliege mit einem handgefertigten Füllfederhalter für über 900 Euro zu berechnen. Man hält dieses obszön teure Stück aus Edelharz und 18-karätigem Gold in der Hand – ein Instrument, dessen Haptik und Preisklasse eigentlich für das Unterzeichnen von Friedensverträgen oder die Gründung von Imperien gedacht ist. Und was schreibt der Besitzer damit? Die Einkaufsliste für das Wochenende: Katzenstreu, Hämorrhoidensalbe und eine fadenscheinige Entschuldigung an die Ehefrau, die ihn schon lange nur noch mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung ansieht. Die aristokratische Präzision der Feder gleitet über das Papier und verhöhnt bei jedem Schwung die Banalität und Leere des Inhalts. Wir kaufen die Hülle der Bedeutung, weil der Kern längst verrottet ist.
Entropischer Tod
Die „Öffentlichkeit“ ist in diesem Modell kein Akteur, sondern ein Feld, in dem Informationen nicht ausgetauscht, sondern gegeneinander vernichtet werden. Je einiger wir uns sind, desto weniger Information ist im System vorhanden. Ein perfekter Konsens wäre der thermische Tod der Gruppe: ein Zustand maximaler Entropie, in dem nichts Neues mehr entstehen kann, weil alle Differenzen glattgebügelt wurden.
Was wir als „Teamgeist“ feiern, ist oft nur die Unfähigkeit des Einzelnen, die statistische Unvermeidbarkeit seiner eigenen Irrelevanz zu erkennen. Wir sind Gefangene in einer Wahrscheinlichkeitswolke, die wir für Freiheit halten, während wir lediglich Koordinaten in einem System sind, das uns längst abgeschrieben hat. Wir optimieren, wir passen uns an, wir krümmen uns, bis wir brechen.
Völlig zwecklos.
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