Geometrie des Elends

Wir sprachen letztes Mal über die Falle der Effizienz, nicht wahr? Über diesen grotesken Glauben, dass man das Chaos des Daseins durch bloßes Zeitmanagement bändigen könne. Aber setzen wir uns erst einmal. Wirt, noch ein Pils – und lassen Sie den Schaum diesmal so stabil wie die deutsche Bürokratie, nicht diese wässrige Pisse von vorhin.

Schauen wir uns dieses Elend an, das wir „Karriere“ nennen. In den sterilen Glaskästen der Frankfurter Skyline herrscht die paranoide Vorstellung, Arbeit ließe sich linear skalieren. Man fügt eine Qualifikation hinzu, drückt auf den Knopf, und der Output steigt. Als wäre der Mensch ein verlässlicher Dieselmotor, der nur den richtigen Kraftstoff braucht. Doch werfen wir den Blick hinter den Vorhang der Betriebswirtschaftslehre in die kalte Pracht der Informationsgeometrie.

Arbeitskraft

Was das Personalwesen als „Skillset“ bezeichnet, ist in Wahrheit nichts anderes als eine Koordinate in einer hochdimensionalen Riemannschen Mannigfaltigkeit. Wir bewegen uns nicht auf einer flachen Ebene des Fleißes, sondern navigieren durch einen gekrümmten Raum von Kompetenzvektoren. Jede neue Fähigkeit, jeder mühsam erlernte Handgriff krümmt den Raum unserer Produktivität. Das Problem ist nur: Die meisten Menschen merken nicht, dass sie sich in einem lokalen Minimum gefangen halten. Sie optimieren ihre Bewegung innerhalb eines winzigen, flachen Sektors, während die wahre Wertschöpfung in den Regionen extremer Krümmung stattfindet.

Es ist wie bei einer Currywurst an der Bude gegenüber: Man kann die Viskosität der Sauce bis ins Unendliche verfeinern, chemische Zusätze für den Glanz hinzufügen und die Temperatur auf das Zehntelgrad genau justieren – es bleibt am Ende doch nur eine zerhäckselte Wurst in rotem Schleim. Was für eine Verschwendung von Lebenszeit für eine marginale Verbesserung des Durchschnitts.

Mannigfaltigkeit

Die Geometrie der Arbeit ist tückisch, fast so tückisch wie die Nebenkostenabrechnung einer Altbauwohnung im Wedding. Wir messen Produktivität gerne als skalare Größe – eine Zahl, ein Bonus, ein Schulterklopfen beim Jahresgespräch. Physikalisch betrachtet ist sie jedoch ein metrischer Tensor. Er beschreibt, wie viel „Weg“ man im Raum des Kapitals zurücklegt, während man glaubt, sich nur ein bisschen anzustrengen.

Ein Spezialist für obskure Steuergesetzgebungen oder die Programmierung von Systemen, die älter sind als seine eigenen Eltern, sitzt auf einer Singularität. In seinem Skill-Raum ist die Krümmung so stark, dass die Zeit für ihn anders vergeht. Während der Rest der Belegschaft im informationellen Flachland verödet und sich über die Qualität des Kantinenessens beschwert, erzeugt er durch minimale Verschiebung gewaltige Wertdifferenzen. Und doch hocken sie alle in denselben Großraumbüros, eingepfercht wie Legebatteriehühner, die davon träumen, Adler zu sein.

Man betrachte nur diese lächerlichen Manager, die sich für zehntausend Euro eine Artichoke in das Home-Office hängen, als würde dieses kupferne Ungetüm die kognitive Leere ihrer Excel-Tabellen kaschieren können. Sie sitzen dort, in ihren ergonomischen Folterstühlen, und starren auf Bildschirme, während ihr eigentlicher Marktwert schneller sinkt als der Stand eines überzogenen Dispokredits. Die Krümmung ihres Daseins ist so flach, dass man darauf eine Bowlingkugel rollen könnte, ohne dass sie jemals auf ein Hindernis aus Intelligenz stößt. Sie glauben, das skandinavische Lichtdesign würde ihre Irrelevanz glätten, aber Photonen lügen nicht; sie beleuchten nur gnadenlos den Staub auf den Aktenordnern ihrer gescheiterten Ambitionen. Es ist ein Trauerspiel in mehreren Akten, aufgeführt für ein Publikum, das längst eingeschlafen ist.

Entropie

Kommen wir zur bitteren Wahrheit der Thermodynamik. Was wir „Leidenschaft“ oder „Engagement“ nennen, ist aus der Sicht eines kühlen Beobachters nichts weiter als Informationsentropie. Ein hoher Grad an Unordnung, der als Wärme – oder in diesem Fall als Burnout und Mundgeruch durch zu viel schlechten Kaffee – abgeführt wird.

Ein produktives System ist im Idealfall adiabatisch: Es findet kein Wärmeaustausch mit der Umgebung statt, keine Emotion, kein Reibungsverlust durch menschliches Geplänkel über das Wetter oder das letzte Fußballspiel. Doch der Mensch ist eine thermische Katastrophe. Er produziert Rauschen. Meetings sind Entropie-Fabriken, in denen geordnete Informationen in thermisches Rauschen verwandelt werden, bis nur noch der Hitzetod der Motivation übrig bleibt. Wir versuchen, dieses Rauschen durch „Unternehmenskultur“ zu glätten. Das ist so sinnvoll, wie den Akku eines Smartphones mit einem Föhn aufladen zu wollen oder eine verstopfte Toilette mit Parfüm zu besprühen.

Der neuronale Aufwand, den ein Angestellter betreibt, um so zu tun, als ob ihn die Quartalszahlen interessieren, verbraucht mehr freie Energie, als die eigentliche Arbeit jemals generieren könnte. Diese algorithmische Beliebigkeit, die heutzutage durch die Flure der Konzerne geistert, verwandelt den einst komplexen Skill-Raum in eine sterile Wüste. Was bleibt, ist eine Singularität der Beliebigkeit, in der jeder ersetzbar ist durch eine noch billigere, noch leisere Entropie-Quelle.

Ich brauche noch einen Schnaps. Und machen Sie die Musik leiser, dieses Gedudel steigert meine Entropie ins Unermessliche.

Eigentlich ist alles nur ein großer Rechenfehler in einer Matrix, die sich für ein Schicksal hält. Wir messen den Schatten an der Wand und wundern uns, dass wir die Sonne nicht finden. Die einzige Metrik, die wirklich zählt, ist die Geschwindigkeit, mit der man erkennt, dass das Hamsterrad von innen wie eine Karriereleiter aussieht.

Schwachsinn, allesamt. Wer zahlt eigentlich die nächste Runde? Wahrscheinlich niemand, die Krümmung eurer Brieftaschen tendiert ja gegen Null.

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