Dissipative Strukturen

Es ist schon erstaunlich, mit welcher religiösen Inbrunst der moderne Angestellte morgens seinen lauwarmen Hafermilch-Latte umrührt, als hänge das thermodynamische Gleichgewicht des Abendlandes von der perfekten Emulsion ab. Wir sprechen von „Karrierepfaden“, „Synergien“ und „agilen Transformationen“, als handele es sich dabei um heilige Sakramente einer höheren Ordnung. In Wahrheit sitzen wir alle nur in einer glorifizierten, nach altem Fett und Laserdrucker-Ozon riechenden Kantine und warten darauf, dass die Physik uns endlich erlöst. Arbeit ist, nüchtern betrachtet, nichts anderes als eine schlecht bezahlte Form der Reibungshitze in einem System, das verzweifelt gegen seine eigene Obsoleszenz ankämpft.

Entropie und der Gestank von Routine

Was wir gemeinhin als „Arbeit“ bezeichnen, ist in der harten Währung der Nichtgleichgewichts-Thermodynamik nichts anderes als der pathologische Versuch eines biologischen Systems, den eigenen Zerfall hinauszuzögern. Ein Unternehmen ist eine dissipative Struktur im Sinne Prigogines. Es ist ein energetischer Parasit, der einen stetigen Strom an hochwertiger Energie benötigt – meist in Form von menschlicher Lebenszeit, die in grauen Cubicles verdampft, und hektolitern billigem Filterkaffee –, um eine künstliche, fragile Ordnung aufrechtzuerhalten. Sobald dieser Strom versiegt, obsiegt die Entropie. Das Büro verwandelt sich in einen Ort der gespenstischen Stille, die Akten vergilben, und in der Kaffeemaschine entstehen völlig neue, faszinierende Ökosysteme aus Schimmelpilzen.

Stellen Sie sich das Organigramm eines Konzerns bitte nicht als Hierarchie von Kompetenzen vor, sondern als ein Leck in der Realität. Jede E-Mail, jedes redundante Meeting über die Optimierung von Excel-Tabellen und jede „Quarterly Review“ dient ausschließlich dazu, die statistische Unordnung innerhalb des Systems temporär zu verringern. Wir verbrennen Milliarden von Kalorien und ruinieren unsere Bandscheiben in ergonomisch überzüchteten Netzrücken-Stühlen, die mehr kosten als der Restwert unserer Seele, nur damit der Bericht für den Vorstand so aussieht, als wüsste irgendjemand, was er tut. Die Organisation exportiert ihre hausgemachte Entropie gnadenlos nach außen: an die Umwelt, an die Konkurrenz oder schlichtweg in das Magengeschwür des Mittelmanagers. Es ist exakt wie eine Currywurst, die man nachts um drei an einer siffigen Bahnhofsbude kauft: Man weiß, dass sie einen von innen zerstört, aber für den Moment strukturiert das Fett das Chaos im Magen und gibt dem Elend eine Form.

Prädiktion als Angstbewältigung

Hier kommt das Prinzip der freien Energie ins Spiel (Free Energy Principle). Warum klammern sich Menschen an ihre Jobs, selbst wenn diese so inspirierend sind wie eine feuchte, nikotingelbe Raufasertapete? Weil das menschliche Gehirn eine Prädiktionsmaschine ist, die vor Angst zittert. Wir hassen Überraschungen. Ein festes Gehalt, das gerade so für die Miete und das überteuerte Fitnessstudio reicht, in das man sowieso nie geht, minimiert die „Surprise“ – die mathematische Differenz zwischen dem, was wir erwarten, und der grausamen, stochastischen Realität da draußen.

Unternehmen überleben nicht, weil sie innovativ sind. Das ist ein Märchen für LinkedIn-Influencer und BWL-Erstsemester. Sie überleben, weil sie die Varianz der Umwelt so weit filtern, dass das System stabil bleibt. Business Continuity ist nichts anderes als die Optimierung einer Fehlerfunktion unter Zwangsbedingungen. Wir optimieren uns zu Tode, nur um nicht zugeben zu müssen, dass der Markt im Grunde ein betrunkener Seemann auf einem sinkenden Schiff ist. Um diese existenzielle Leere zu füllen, klammert man sich an groteske Statussymbole: Man unterschreibt seinen eigenen geistigen Offenbarungseid mit einem Meisterstück aus schwarzem Edelharz, als könne das haptische Gewicht von 800 Euro Luxus-Plastik die völlige Abwesenheit von Relevanz kompensieren. Es ist die ästhetische Verkleidung der eigenen Überflüssigkeit in einer Welt, die auch ohne unsere Powerpoints wunderbar im Chaos versinken würde.

Der unvermeidliche Stillstand

Am Ende bleibt die zynische Erkenntnis, dass jede Organisation ein Verfallsdatum hat, das meist schon vor der Gründung abgelaufen war. Die statistische Mechanik lehrt uns, dass kein System ewig fernab des thermodynamischen Gleichgewichts existieren kann. Irgendwann bricht die dissipative Struktur zusammen. Die Informationen gehen verloren, die Energie dissipiert als Wärme – oder im Fall von deutschen Großprojekten als jahrelange Gerichtsverfahren und Abfindungen für unfähige Vorstände.

Was wir als „Unternehmenserfolg“ feiern, ist lediglich eine temporäre Anomalie in einem Universum, das unaufhaltsam auf maximale Unordnung zustrebt. Wir arbeiten nicht für die Zukunft; wir arbeiten gegen die Unvermeidlichkeit der nächsten Stromrechnung. Wenn Sie das nächste Mal in einem Meeting sitzen und über „nachhaltiges Wachstum“ schwadroniert wird, denken Sie an den Akku Ihres drei Jahre alten Smartphones: Er zeigt vielleicht noch 100 % an, aber chemisch gesehen ist er bereits auf dem Weg zum Sondermüll. Wir sind nur die Elektronen, die noch ein letztes Mal panisch durch die Platine flitzen, bevor die Sicherung rausfliegt und alles in wohltuender Dunkelheit versinkt.

Einfach nur erbärmlich.

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