Letztes Mal sprachen wir über diesen lächerlichen Totentanz namens „Vierteljahresbericht“. Sie wissen schon, diese rituellen Excel-Tabellen, in denen wir so tun, als ließe sich menschliches Leiden in saubere Zellen pressen. Aber seien wir ehrlich: Was wir „Karriere“ nennen, ist nichts weiter als der verzweifelte Versuch biologischer Einheiten, den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu ignorieren. Wir rennen, wir schwitzen, wir optimieren. Doch am Ende sind wir nur glorifizierte Heizkörper. Wir wandeln hochwertige chemische Energie – unser Mittagessen, unsere Nerven, unsere Lebenszeit – in nutzlose Umgebungswärme um.
Arbeit als Fettfleck
Betrachten wir das moderne Büro. Oder dieses traurige Home-Office-Provisorium, in dem wir hausen. Es ist ein thermodynamisch geschlossenes System, das permanent am Rande des Kollapses steht. Die Betriebswirte faseln von „Wertschöpfung“, als wäre das ein göttlicher Akt der Schöpfung aus dem Nichts. Blödsinn. Arbeit ist im physikalischen Sinne eine dissipative Struktur, vergleichbar mit einem ranzigen Fettfleck, der sich langsam und unaufhaltsam auf einer Papiertischdecke ausbreitet. Oder denken Sie an den Abfluss in einer Großküche: Wir nehmen Ordnung auf – Kapital, Rohstoffe, junge motivierte Absolventen – und was emittieren wir? Chaos. E-Mails, die niemand liest. Slack-Benachrichtigungen, die nur existieren, um Produktivität zu simulieren. Burnout als Aggregatzustand.
Ein Unternehmen funktioniert heute wie der billige Akku eines drei Jahre alten Smartphones. Man lädt ihn die ganze Nacht mühsam auf, hegt und pflegt ihn, nur um dann fassungslos zuzusehen, wie die Ladung bei der kleinsten Belastung – sagen wir, einem fünfminütigen Meeting ohne Agenda – schlagartig auf 20 Prozent fällt. Die ganze Struktur, die Hierarchien, die „Team-Building-Events“, das alles dient nur dazu, den unvermeidlichen Zusammenbruch noch ein paar Monate hinauszuzögern.
Was für ein Quatsch.
Entropie der WG-Küche
Und jetzt kommt der neue Heiland: die „dezentrale autonome Organisation“ (DAO). Man verspricht uns das Paradies der flachen Hierarchien, in dem der Code das Gesetz ist. Aber lassen Sie sich nicht täuschen. Mathematisch gesehen ist Dezentralisierung in diesem Kontext nur eine massive Erhöhung der Entropie. Stellen Sie sich eine WG vor, in der zwanzig wildfremde Menschen wohnen, die sich alle ein einziges Bankkonto teilen, aber niemand ist offiziell dafür zuständig, das Klo zu putzen. Jede Entscheidung wird zu einem endlosen Debattierclub, einem Sumpf aus „Governance-Token“ und Abstimmungen, die mehr Energie verbrauchen als die eigentliche Arbeit selbst.
Wenn wir die hierarchische Kontrolle durch Algorithmen ersetzen, beseitigen wir zwar den despotischen Chef, aber wir führen eine Diktatur des Durchschnitts ein. Die „Arbeit“ in solchen Systemen wird zu einem Rauschen. Es ist wie eine Currywurst an einer Autobahnraststätte nachts um drei: Man weiß intellektuell, dass da mal Fleisch und Gewürze waren, aber die Struktur ist so weit zerfallen, zu einem homogenen Brei verkocht, dass man den Ursprung nicht mehr rekonstruieren kann. Die automatischen Rechensysteme – nennen wir sie beim Namen, diese glorifizierten Taschenrechner – fungieren hier als gnadenlose Thermostate. Sie regeln die Zuteilung von Ressourcen nicht nach Sinn oder Verstand, sondern nach der kalten Logik der Informationsgeometrie. Das fühlt sich an, als stünde man in einer unendlichen Warteschlange im Supermarkt, hinter zwanzig Rentnern, die alle versuchen, den genauen Betrag in Ein-Cent-Münzen abzuzählen. Das ist die Geschwindigkeit unserer modernen „Innovation“. Der Mensch ist in diesem Gefüge nur noch ein störendes Rauschen, ein biologischer Bug, der die Glätte der Kurve ruiniert.
Einfach nur lächerlich.
Kollaps und Eitelkeit
Wir bilden uns ein, dass wir durch diese Technologie eine neue Form von Gemeinwohl schaffen. Doch physikalisch betrachtet ist diese algorithmische Öffentlichkeit der Wärmetod der Individualität. Wenn Rechenprotokolle bestimmen, was „wertvoll“ ist, basierend auf Mustern, die wir durch unser eigenes, sinnloses Klicken erzeugt haben, landen wir in einer Feedbackschleife der absoluten Mittelmäßigkeit. Es ist die totale Symmetrie. Nichts ragt mehr heraus. Und in der Physik bedeutet perfekte Symmetrie den Tod des Systems.
Da sitzt man dann in seinem Bunker aus Einsamkeit. Man klammert sich an Objekte, als könnten sie den Zerfall aufhalten. Man kauft sich einen dieser absurden, [ergonomischen Bürostühle](https://www.hermanmiller.com/de_de/products/seating/office-chairs/aeron-chairs/), der mehr kostet als ein gebrauchter Kleinwagen. Nicht, weil man bequem sitzen will, sondern weil man ein Feigling ist, der Angst hat, dass sein Skelett unter der Last der Bedeutungslosigkeit zusammenbricht. Man hält dieses Netzgewebe für eine Art Rüstung gegen die Realität. Vielleicht schnallt man sich noch eine schwere [mechanische Uhr](https://www.rolex.com/de) ans Handgelenk, ein anachronistisches Gewicht aus Stahl und Gold, nur um zu spüren, dass noch etwas Reales, etwas Analoges existiert, während man zusieht, wie die eigene Lebenszeit in volatile Krypto-Token umgerechnet wird. Dieser Fetischismus für „High-End-Equipment“ ist der letzte, pathetische Versuch, dem entropischen Zerfall eine Form von Status entgegenzusetzen.
Ich will nach Hause.
Die wahre Tragik liegt nicht darin, dass die Maschinen uns ersetzen werden. Die Tragik liegt darin, dass wir uns ihrer Logik bereits so weit angepasst haben, dass der Unterschied kaum noch messbar ist. Wir sind dissipative Strukturen, die um ein Minimum an freier Energie kämpfen, während das Universum um uns herum gähnt und langsam das Licht dimmt.
Prost. Auf den nächsten Systemabsturz.
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