Krümmung & Wahn

Setzen Sie sich, Herr Kollege. Ja, das Helle dort ist trinkbar, auch wenn es die abgestandene Bitterkeit meiner letzten Fakultätssitzung nicht ganz zu überdecken vermag. Reden wir über das, was die Jugend heute „Business Strategy“ nennt – eine Farce, so durchschaubar wie der Versuch, die Preisgestaltung eines Currywurst-Standes mit der Thermodynamik schwarzer Löcher zu erklären. Wir starren auf Excel-Tabellen, als wären sie das Orakel von Delphi, und suchen nach Mustern im Rauschen, während es eigentlich nur um die nackte Gier geht. Eine Gier, die so banal ist wie das Verlangen nach einem Döner um drei Uhr morgens, wenn man sich kaum noch auf den Beinen halten kann und die eigene Würde bereits an der Garderobe abgegeben hat.

Artefakte

Man glaubt ja ernsthaft, in den gläsernen Palästen der Frankfurter Innenstadt oder den hipstersanierten Coworking-Spaces in Berlin-Mitte würde „Wert“ geschaffen. Ein rührender Gedanke, so naiv wie ein Erstsemester, der glaubt, durch bloßes Zitieren von Kant die Welt zu verbessern oder wenigstens ein Date zu bekommen. In Wahrheit ist jede Aktiengesellschaft nur eine Ansammlung von Wahrscheinlichkeitsverteilungen, die versuchen, ihre nackte Existenzangst zu kaschieren. Wir nennen das dann „Evolution“ oder „organisches Wachstum“. Ich nenne es das verzweifelte Strampeln eines Ertrinkenden, der feststellt, dass sein Rettungsring aus Blei besteht und die Wassertemperatur gerade um zehn Grad gefallen ist.

Betrachten wir das deutsche Handwerk oder, Gott bewahre, den sakrosankten Mittelstand. Hier wird die „Tradition“ wie eine Monstranz vorgetragen, während die Betriebsabläufe so verkrustet sind wie die Kaffeemaschine im Lehrerzimmer, die seit 1998 nicht mehr entkalkt wurde. Physikalisch gesehen ist das nichts weiter als eine extrem hohe Trägheit in einem Informationsraum, der so wenig Bewegung zulässt wie die Warteschlange vor dem Bürgeramt an einem regnerischen Montagmorgen. Eine Organisation ist ein Punkt auf einer Mannigfaltigkeit; ihre „Strategie“ ist der Versuch, sich entlang einer Geodäte zu bewegen – dem kürzesten Pfad in einem gekrümmten Raum. Doch statt der direkten Linie wählen wir in diesem Land den bürokratischen Umweg über drei Stempel, zwei Faxbestätigungen und eine notarielle Beglaubigung der eigenen Unfähigkeit. Es ist die reine Ineffizienz, getarnt als Professionalität.

Und während die Welt um uns herum kollabiert, sitzen wir in Meetings, die länger dauern als eine Wagner-Oper, und kritzeln in diese völlig überteuerten Moleskine-Notizbücher, als würde die schiere Textur des italienischen Kunstleders und das cremefarbene Papier die Banalität der darauf notierten „Meilensteine“ irgendwie in Gold verwandeln. Man sitzt da, nippt an seinem sieben Euro teuren Hafer-Latte und fühlt sich wichtig, während draußen die Realität an der eigenen Unfähigkeit, auch nur eine einfache Bahnfahrt pünktlich zu organisieren, zerschellt. Es ist ein cargo-kultartiges Verhalten: Wir imitieren die Ästhetik der Arbeit, um nicht arbeiten zu müssen.

Metrik

Die Informationsgeometrie lehrt uns, dass der Abstand zwischen zwei Geschäftsmodellen nicht in Euro gemessen wird – Euro sind nur das Schmiermittel für die Korruption unserer eigenen Ideale, bunt bedrucktes Papier ohne Seele. Nein, es ist die Krümmung des Raumes, die uns in den Wahnsinn treibt; die Fisher-Information, die uns sagt, wie viel wir eigentlich über unseren Zustand wissen können. Spoiler: Es ist herzlich wenig. Ein Unternehmen verändert sich nicht, weil der CEO eine „Vision“ hatte – meistens hatte er nur zu viel Espresso, einen schlechten Algorithmus oder, was wahrscheinlicher ist, er hat die letzte Gehaltserhöhung seiner Angestellten gedanklich bereits in einen neuen Porsche investiert.

Wenn eine Organisation plötzlich „agil“ wird, ist das nichts anderes als eine künstliche Erhöhung der lokalen Varianz in der Hoffnung, dass man zufällig nicht bemerkt wird, wenn man wieder einmal das Budget für ein Projekt verpulvert hat, das so sinnvoll ist wie eine Zentralheizung in der Sahara. Es ist das Äquivalent dazu, eine kaputte Fernbedienung fester zu drücken, in der Hoffnung, dass die Batterien sich durch pure Willenskraft und Wut regenerieren. Wir maskieren unsere nackte Angst vor der thermodynamischen Entropie mit schicken, glattgelutschten Begriffen wie „Digitale Transformation“ oder „Disruption“. Dabei ist der Mensch in diesem System nur eine statistische Anomalie, ein Störfaktor aus Fleisch und Blut, der ständig Hunger hat, Miete zahlen muss und sich über die chronische Verspätung der Regionalbahn beschwert.

Und in diesem Theater der Absurditäten klammern wir uns an Statussymbole. Wer braucht bitteschön einen hochgezüchteten Lamy-Füllfederhalter, dessen Federbreite präziser geschliffen ist als der Verstand seines Besitzers, nur um damit Kündigungen oder Urlaubsanträge zu unterschreiben? Es ist das ästhetische Äquivalent dazu, einen brennenden Müllcontainer mit Goldfarbe zu besprühen und es als moderne Kunst zu verkaufen. Es ist reine Performanz, ein Tanz auf dem Vulkan, bei dem wir so tun, als hätten wir die Kontrolle über die Lava, nur weil wir schicke Schuhe tragen.

Entropie

Der Übergang vom privaten Profitstreben zur sogenannten „öffentlichen Existenzialität“ ist kein moralischer Akt, kein Erwachen des kollektiven Gewissens. Es ist ein Phasenübergang, so unausweichlich und schmerzhaft wie der Kater nach einer Nacht mit billigem Fusel vom Discounter. Sobald ein Unternehmen eine gewisse kritische Masse erreicht, hört es auf, ein souveräner Akteur zu sein. Es wird zur bloßen Infrastruktur, zum Sklaven der kollektiven Erwartungshaltung, gefangen im Netz der eigenen Bedeutungslosigkeit. Es wird zur „Institution“, was in der Realität bedeutet, dass jeder Hanswurst im Internet glaubt, ein Mitspracherecht bei der Gestaltung des Firmenlogos oder der Zusammensetzung der Kantinenmahlzeiten zu haben.

Die „Existenzialität“ einer Marke ist lediglich das Echo in einem leeren Raum, in dem man versucht, Profitgier als Gemeinwohl zu verkaufen. Wir beobachten heute, wie sich Organisationen verzweifelt in „soziale Räume“ transformieren wollen, weil sie als reine Zweckgemeinschaften auf ganzer Linie versagt haben. Das ist so, als würde man versuchen, ein sinkendes Schiff dadurch zu retten, dass man die Bordkapelle anweist, Lieder über die Schönheit des Ozeans und die Nachhaltigkeit des Ertrinkens zu spielen. Die physikalische Realität der Leckage schert sich einen Dreck um Ihre Marketing-Slogans oder Ihre „Purpose-Driven“-Strategie. Am Ende steht die kalte, harte Erkenntnis, dass wir alle nur Rauschen in einer sehr eleganten, aber völlig teilnahmslosen Gleichung sind. Wir bauen Kathedralen aus Daten und wundern uns, dass es darin zieht.

Kellner, noch einen. Und machen Sie die Musik aus, das Gejaule hält ja kein normaler Mensch aus.

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