Konsensmüll
Es gibt kaum eine obszönere Verschwendung biochemischer Energie als das, was wir in den sterilen Konferenzräumen der westlichen Welt „Konsensfindung“ nennen. Wir betreten diese gläsernen Särge der Produktivität mit der naiven Vorstellung, wir würden „Demokratie“ oder „Teilhabe“ praktizieren. Was für ein grotesker Irrtum. Was dort geschieht, gleicht dem Versuch, einen leeren Geldbeutel so lange rhythmisch zu schütteln, bis er nach Reichtum klingt. Wir simulieren Bewegung, erzeugen aber nur Reibungswärme und heiße Luft.
Stellen Sie sich vor, Sie müssten die kulinarischen Vorlieben von achtzig Millionen Menschen in eine einzige Wurstpelle pressen. Das Ergebnis ist keine Delikatesse, sondern eine graue, geschmacksneutrale Masse aus Separatorenfleisch und Konservierungsstoffen, die wir dann als „gesellschaftlichen Kompromiss“ serviert bekommen. Im Meetingraum riecht es nicht nach Innovation, sondern nach dem kalten Schweiß der Inkompetenz und dem abgestandenen Filterkaffee der letzten Sitzung. Neben Ihnen sitzt ein Kollege, dessen einziger Beitrag zur Wertschöpfungskette darin besteht, Sauerstoff in Kohlendioxid umzuwandeln, und Sie diskutieren drei Stunden lang über die Schriftart einer Präsentation, die ohnehin niemand lesen wird. Das ist keine Kooperation. Das ist kollektive Selbstverstümmelung.
Die Krümmung der Inkompetenz
Verschonen Sie mich mit Ihren hochtrabenden Begriffen aus der Informationsgeometrie. Niemand hier interessiert sich für Riemannsche Mannigfaltigkeiten, wenn er nicht einmal seine eigene Steuererklärung versteht. Wenn wir über „Krümmung“ im institutionellen Kontext sprechen, dann reden wir nicht über abstrakte Vektorräume, sondern über den pathologischen Winkel, in dem sich Ihre Wirbelsäule krümmt, nachdem Sie acht Stunden lang bedeutungslose Zahlenkolonnen in Excel-Zellen gehämmert haben.
Die Entscheidungslandschaft moderner Unternehmen ist keine flache Ebene der Vernunft, sondern ein zerklüftetes Gebirge aus Eitelkeiten und Angst. Die sogenannte „Metrik“ dieses Raumes misst nicht den Informationsgehalt, sondern lediglich den Abstand zwischen Ihrer tatsächlichen Arbeitsleistung und dem Hungerlohn, der am Ende des Monats auf Ihrem Konto landet. Jeder „Vektor“ – sprich: jede Meinung, die Sie äußern – wird sofort von der Schwerkraft der bürokratischen Trägheit zu Boden gezogen. Das System ist so konstruiert, dass jeder Funke von Originalität sofort erstickt wird, wie ein Streichholz in einem Vakuum. Wir nennen das „Corporate Identity“. Ich nenne es die Geometrie der geistigen Insolvenz.
Die Entropie des Sachbearbeiters
Wir stehen an der Schwelle zu einer Ära, in der kalte, siliziumbasierte Rechenwerke die Herrschaft übernehmen. Nicht, weil diese algorithmischen Exekutiven moralisch überlegen wären, sondern schlichtweg, weil wir uns die Energiekosten für menschliches Gewissen nicht mehr leisten können. Der Mensch ist ein fehlerhafter Algorithmus: Er wird müde, er wird emotional, er verlangt nach Pausen. Eine Maschine hingegen optimiert die Unmenschlichkeit mit einer Präzision, die fast schon ästhetisch ist.
Sehen Sie sich doch um. Das moderne Großraumbüro ist ein thermodynamischer Albtraum. Der Geruch von erhitztem Plastik aus dem Kopierer vermischt sich mit dem feuchten Muff billigen Teppichbodens. Das monotone Surren der Lüftung ist der Soundtrack Ihres langsamen Verfalls. In dieser Umgebung versuchen wir, Bedeutung zu simulieren, indem wir uns mit Fetischobjekten der Produktivität umgeben. Man kauft sich dann eine absurd teure Artemide Tolomeo, eine vergoldete Schreibtischlampe, in der Hoffnung, ihr Licht möge die Sinnlosigkeit der Aktenberge veredeln. Aber das ist ein Trugschluss. Diese Lampe ist kein Werkzeug; sie ist ein glühendes Folterinstrument. Sie dient einzig dazu, das Elend auf Ihrem Schreibtisch in gestochen scharfer Auflösung sichtbar zu machen. Sie beleuchtet keine Lösungen, sie beleuchtet nur den Staub auf Ihren nicht erfüllten Träumen.
Alles strebt dem Chaos entgegen. Die Zettelwirtschaft auf Ihrem Tisch, die Struktur Ihrer Abteilungen, die Synapsen in Ihrem überforderten Hirn. Wir haben die Verwaltung der Welt an Systeme ausgelagert, die uns nicht hassen, denen wir aber völlig egal sind. Wir sind nur noch Rauschen in der Leitung, kleine Störfaktoren in der großen Gleichung der Effizienz, die es wegzuglätten gilt. Wenn Sie heute Abend das Büro verlassen und das Licht ausschalten, tun Sie das nicht, weil die Arbeit getan ist. Sie tun es, weil Sie wissen, dass Ihre Anwesenheit keinen Unterschied mehr macht. Gehen Sie nach Hause und starren Sie die Wand an.
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