Statistische Agonie

Arbeit.

Wir sprachen beim letzten Mal über die groteske Ineffizienz der sogenannten „Selbstoptimierung“, diesen rührenden Versuch des modernen Hamsters, sein Rad ein wenig eleganter zu ölen. Doch heute, meine Herrschaften, müssen wir tiefer in den Dreck greifen. Blicken wir in den Abgrund dessen, was wir „Arbeit“ nennen – dieses gesellschaftliche Konstrukt, das uns vorgaukelt, Zeit ließe sich linear in Wert verwandeln. In den Teppich-Etagen der Konzerne herrscht der naive Glaube vor, ein Angestellter sei eine Art kinetischer Vektor: Man steckt Kraft hinein, und am Ende kommt ein „Outcome“ heraus. Physikalisch gesehen ist das natürlich völliger Unfug.

Arbeit ist kein Vektor in einem euklidischen Raum, sondern eine mühsame Bewegung auf einer statistischen Mannigfaltigkeit des Elends. Wir navigieren nicht auf einer Flachebene, sondern krümmen uns durch einen Informationsraum, dessen Metrik uns das Genick bricht, so sicher wie die monatliche Stromrechnung das Konto leert. Jeder Handgriff, jede sinnlose E-Mail an einen Verteiler, der ohnehin schon tot ist, ist ein Reibungsverlust an einer Realität, die sich weigert, Sinn zu ergeben. Es ist das Gefühl, mit einer stumpfen Gabel einen Tunnel durch einen Berg aus kaltem Asphalt graben zu müssen, nur um am Ende festzustellen, dass man im Keller der eigenen Bedeutungslosigkeit angekommen ist. Man glaubt, man schaffe Werte, dabei tauscht man lediglich seine besten Jahre – die Zeit, in der die Knie noch nicht knacken und der Geist noch nicht von Zynismus zerfressen ist – gegen die Fähigkeit ein, die Miete für eine Wohnung zu bezahlen, in der man sich ohnehin nur zum Schlafen aufhält.

Krümmung.

Betrachten wir das Elend der Fachkräftegewinnung. Man glaubt, man könne Wissen wie billige Currywurst-Sauce über einen unbehauenen Stein gießen, bis dieser glänzt. Doch die Aneignung von Fertigkeiten – das, was die Personalabteilung stolz „Skill Acquisition“ nennt – ist in Wahrheit ein informationsgeometrischer Folterprozess. Wenn ein Junior-Entwickler versucht, die Architektur eines Legacy-Systems zu begreifen, das von drei Generationen depressiver Programmierer zusammengeschustert wurde, bewegt er sich entlang einer Geodäte auf einer Riemannschen Mannigfaltigkeit des reinen Schmerzes. Die Fisher-Informationsmetrik misst hier nicht den Lernerfolg, sondern die Distanz zwischen dem menschlichen Verstand und dem totalen Wahnsinn.

Es ist kein Lernen; es ist das gewaltsame Hineinpressen des eigenen Gehirns in eine Form, die für Maschinen, nicht für Primaten geschaffen wurde. Man opfert seine kognitive Flexibilität, um ein winziges Rädchen in einem Getriebe zu werden, das morgen vielleicht schon verschrottet wird. Die „Lernkurve“ ist keine Kurve auf einem Blatt Papier, sondern die skalare Krümmung eines Raumes, in dem die Distanz zwischen „Nichtskönnen“ und „Meisterschaft“ durch die nackte Angst vor dem sozialen Abstieg definiert wird. Je höher die Krümmung, desto mehr Lebenskraft – gemessen in ausgefallenen Haaren, Magengeschwüren und zerbissenen Zähnen – muss aufgewendet werden. Wer sich heute noch mit einem Luxus-Schreibgerät für dreitausend Euro in den Kampf stürzt, nur um seine belanglosen Notizen während eines Zoom-Calls mit der Aura von Bedeutung aufzuwerten, hat zwar den Stil verstanden, aber die physikalische Unausweichlichkeit des Ruins ignoriert. Es ist der verzweifelte Versuch, in einem nicht-euklidischen Raum, der nach abgestandenem Kaffee und Verzweiflung riecht, eine aufrechte Haltung zu bewahren. Ein teurer Grabstein für die eigene Kreativität.

Entropie.

Unternehmen messen den Erfolg in Quartalszahlen, was in etwa so präzise ist, wie die Qualität eines Fünf-Gänge-Menüs an der Menge des Erbrochenen in der Herrentoilette zu messen. Die wahre Korrelation zwischen individuellem Können und unternehmerischem Output ist eine Frage der Kullback-Leibler-Divergenz. Wir messen den Abstand zwischen der Wahrscheinlichkeitsverteilung dessen, was getan werden müsste, und dem, was die Belegschaft tatsächlich zwischen zwei Burnouts und drei Zigarettenpausen ausspuckt. Es ist ein statistisches Rauschen, das wir „Karriere“ nennen. In dieser Welt ist die einzige Konstante der Verfall, die Zunahme der Entropie. Jedes Meeting, jede „Synergie-Sitzung“, in der Menschen Worte wie „Agilität“ benutzen, ohne rot zu werden, erhöht die Unordnung im System, bis am Ende nur noch heiße Luft und leere Excel-Tabellen übrig bleiben.

Was wir als „Berufserfahrung“ bezeichnen, ist nichts anderes als die neuronale Anpassung an diesen schleichenden Wahnsinn. Das Gehirn lernt, die Krümmung des Raumes zu antizipieren, um weniger Energie zu verbrauchen – es stumpft ab. Man wird effizienter, weil man aufgehört hat zu hoffen oder zu hinterfragen. Die Geometrie des Arbeitsmarktes ist gnadenlos: Sie führt uns alle unweigerlich an den Punkt, an dem wir feststellen, dass wir nur Parameter in einer stochastischen Gleichung sind, deren Ergebnis wir nie erfahren werden. Wer glaubt, er könne dieses System durch Fleiß oder Intelligenz überlisten, hat die fundamentale Metrik des Kapitalismus nicht begriffen. Wir sind Passagiere auf einer sinkenden Mannigfaltigkeit, und der Kapitän hat schon längst das Rettungsboot mit der Firmenkreditkarte bezahlt.

Ich will nach Hause. Bringen Sie mir noch einen Schnaps, der billiger ist als meine moralischen Überzeugungen.

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