Thermodynamischer Abfall

Man spricht in den hermetisch abgeriegelten Konferenzaquarien der DAX-Konzerne und den nach kaltem Rauch riechenden Amtsstuben der Ministerialbürokratie gerne vom „Public Value“. Es ist das modische Parfüm, mit dem man den herben Verwesungsgeruch der nackten Selbsterhaltung zu übertünchen versucht. Man geriert sich als Wohltäter der Gesellschaft, als gäbe es einen moralischen Imperativ, der jenseits der Bilanzsumme existiert. Doch wer die Welt nicht durch die rosarote Brille der PR-Abteilung, sondern durch die gnadenlose Linse der Physik betrachtet, erkennt schnell: Dieses Gerede ist nichts weiter als eine semantische Nebelkerze vor dem unausweichlichen Zerfall.

Die Physik der Verwesung

In Wahrheit ist das, was wir „gemeinsames Wohl“ oder „organisatorischen Zweck“ nennen, lediglich ein Nebenprodukt eines weit fundamentaleren, schmutzigeren Prozesses. Jede Institution, sei es ein Weltkonzern oder das örtliche Bauamt, ist ein offenes System im Sinne der Nichtgleichgewichtsthermodynamik. Sie sind dissipative Strukturen. Das klingt akademisch schick, bedeutet aber in der Praxis nur eines: Sie müssen fernab vom thermischen Gleichgewicht existieren, um nicht augenblicklich in den Zustand maximaler Entropie – also den klinischen Tod – zu verfallen.

Das Problem ist nur, dass die Aufrechterhaltung von Ordnung verdammt teuer ist. Und ich rede hier nicht von Euro und Cent, sondern von der energetischen Verschwendung menschlicher Lebenszeit.

Teure Ordnung, billige Menschen

Schauen Sie sich doch in Ihrer eigenen Abteilung um. Sehen Sie den Kollegen da drüben? Der, der seit fünfzehn Jahren auf demselben Stuhl klebt wie ein fossiles Relikt, dessen einzige produktive Tätigkeit darin besteht, Sauerstoff in Kohlendioxid umzuwandeln? Seine Existenzberechtigung wird nicht durch Leistung gesichert, sondern durch die bürokratische Trägheit. Ein Unternehmen ist wie ein alter, undichter Kühlschrank: Es pumpt unter Ächzen und Stöhnen Wärme von innen nach außen, damit die soziale Butter im Inneren nicht ranzig wird. Doch der Kompressor läuft heiß.

Die Ordnung, die wir so verzweifelt wahren wollen, fordert einen Blutzoll. Ilya Prigogine lehrte uns, dass dissipative Strukturen Entropie nach außen abführen müssen. In der Konzernsprache heißt das: Wir exportieren unseren Wahnsinn. Der sogenannte „Public Value“ ist nichts anderes als der Versuch, die interne Reibungswärme – die endlosen Meetings ohne Agenda, die Machtspielchen impotenter Abteilungsleiter, die Korrosion der Motivation – als „sozialen Beitrag“ zu tarnen. Wir tun „Gutes“, damit das System nicht an seiner eigenen Hitze verreckt.

Entropie und Ergonomie

Wenn wir eine Organisation mathematisch als ein System betrachten, das einen stationären Zustand anstrebt, stoßen wir auf die Produktion von Entropie pro Zeiteinheit. In einem perfekt effizienten System wäre diese Produktion minimal. Aber die Realität ist ein Sumpf. Hier wird das menschliche Element zum reinen Rauschen im Kanal. Ihre Emotionen, Ihre Loyalität, Ihre brennende Leidenschaft für das Projekt? Das sind lediglich neuronale Fehlzündungen, statistische Ausreißer in einer Gleichung, die eigentlich nur den Energiefluss optimieren will.

Besonders zynisch wird es, wenn Organisationen versuchen, ihren inneren Zerfall durch materiellen Fetischismus zu kompensieren. Da werden dann für Summen, von denen eine alleinerziehende Mutter drei Monate leben könnte, Herman Miller Aeron Stühle angeschafft. Man glaubt ernsthaft, wenn man den Hintern eines unterbezahlten Sachbearbeiters auf patentiertes Pellicle-Gewebe bettet, würde das die Tatsache ändern, dass seine Arbeit sinnlos ist. Es ist die moderne Form des Ablasshandels: Man kauft sich die physische Manifestation von Hochleistung und Ergonomie, während die prozessuale Entropie im Hintergrund bereits die Fundamente wegfrisst. Man sitzt bequem, während das Schiff sinkt.

Der unvermeidliche Kollaps

Die Fluktuationen, die ein System aus dem Gleichgewicht bringen, sind unvermeidlich. In der Biologie nennen wir das Altern und Sterben; in der Wirtschaft nennen wir es euphemistisch „Marktkonsolidierung“. Aber seien wir ehrlich: Es ist derselbe thermische Zerfall. Eine Organisation, die behauptet, einen ewigen „Wert“ zu schaffen, lügt sich selbst in die Tasche. Sie ist ein Transitraum für Energie und Information, nichts weiter als ein verstopftes Rohr im Kreislauf des Universums.

Wenn der Entropiefluss stagniert, wenn die internen Strukturen zu starr werden, kollabiert die dissipative Struktur unter ihrem eigenen Gewicht. Das Ergebnis sehen wir täglich: Behörden, die sechs Monate brauchen, um einen simplen Antrag zu stempeln, oder Tech-Giganten, die Milliarden in das Metaverse versenken, nur um die Leere ihrer Innovationskraft zu füllen. Die mathematische Schönheit der Thermodynamik verzeiht keine Ineffizienz. Was nicht exportiert werden kann, verbrennt das System von innen wie ein Fieberwahn.

Wir sitzen also hier, starren in unsere Gläser und reden über Strategiepapiere, als hätten sie irgendeine Bedeutung jenseits der kinetischen Energie, die beim Schreddern entsteht. Der Mensch ist ein biologischer Apparat, der darauf programmiert ist, Muster im Rauschen zu sehen, Ordnung in einer Welt zu suchen, die der absoluten Unordnung entgegenstrebt. Ein heroischer, aber letztlich lächerlicher Kampf gegen die Windmühlen der Physik.

Herrgott, Wirt, das Glas ist leer. Bringen Sie noch eins, bevor ich anfange, über die Sinnlosigkeit der Photosynthese zu referieren.

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