Thermodynamik des Scheiterns

Der Tanz der Moleküle im Sitzungssaal

Letzte Woche sprachen wir noch über die rührende Naivität, mit der Angestellte glauben, ihr täglicher Gang ins Büro sei ein Akt der Schöpfung. In Wahrheit ist es nichts weiter als ein verzweifelter, bereits verlorener Rückzugskampf gegen den Wärmetod des Universums. Wer meint, ein „Monday Morning Stand-up“ diene der Zukunftssicherung, hat die fundamentalen Gesetze der Physik entweder nie verstanden oder verdrängt sie mit der gleichen Vehemenz, mit der er seine Steuererklärung aufschiebt.

Entropie

Betrachten wir ein Unternehmen nicht als eine Ansammlung von „Talenten“ – dieser Begriff ist ohnehin eine semantische Beleidigung für jede ernsthafte Statistik –, sondern als ein dissipatives System im Sinne von Ilya Prigogine. Eine Organisation ist ein energetisches Ungleichgewicht, ein hochgradig instabiler Zustand, der nur durch den ständigen, gewaltsamen Import von Kapital und menschlicher Lebenszeit aufrechterhalten wird. Wir füttern das Monster mit Überstunden, künstlichem Enthusiasmus und kiloweise minderwertigem Kantinenessen, nur damit die Aktenstapel nicht spontan zu Staub zerfallen.

Schauen Sie sich doch im Konferenzraum um. Der Abteilungsleiter, der sich gerade den dritten, mit Puderzucker bestäubten Krapfen in den Schlund schiebt, ist in diesem Moment kein Stratege, sondern ein erschreckend ineffizienter Bioreaktor. Er wandelt das Firmenbudget, das in diesem Gebäck steckt, primär in thermische Energie, also Körperwärme, und in akustische Umweltverschmutzung durch schmatzende Geräusche um. Der intellektuelle Output tendiert dabei gegen Null. Das ist keine Wertschöpfung, das ist reine Energieverschwendung.

Es verhält sich wie bei einer billigen Currywurst am Bahnhof Zoo: Außen wirkt sie strukturiert, fast schon geometrisch bestimmt durch die Schnittmaschine, aber im Inneren herrscht das pure Chaos aus minderwertigen Proteinen, chemischen Emulgatoren und dem stummen Schrei geschredderter Existenz. Sobald man aufhört, externe Energie (in Form von Hitze oder Gehaltsschecks) zuzuführen, bricht das gesamte Konstrukt in sich zusammen und offenbart seine wahre Natur: Verwesung. Der Mensch nennt das euphemistisch „Unternehmenskultur“, die Physik nennt es schlichtweg den unaufhaltsamen Anstieg der Entropie. Wir bilden uns ein, Ordnung zu schaffen, während wir eigentlich nur hochwertige Energie in Abwärme und passive-aggressive E-Mails umwandeln. Das Gehirn des modernen Angestellten ist dabei kaum mehr als ein schlecht isolierter Heizwiderstand, der bei Überlastung durchbrennt.

Was für ein Unsinn.

Bürokratie

In Deutschland haben wir diesen Prozess der Entropie-Verleugnung zur nationalen Kunstform erhoben. Wir nennen es „Struktur“. Aber jede ISO-Zertifizierung, jedes Organigramm und jede Compliance-Richtlinie ist nichts weiter als der kindische Versuch, ein Schwarzes Loch mit Tesafilm zu flicken. Wir bauen Kathedralen aus Papier und Excel-Tabellen, um die Tatsache zu verschleiern, dass menschliche Kommunikation eine einzige, fehlerbehaftete Rauschquelle ist. Neurobiologisch gesehen ist das, was wir „Teamarbeit“ nennen, ein instabiles Netzwerk aus biochemischen Fehlzündungen und missverstandenen Egos.

Manchmal beobachte ich diese Gestalten, wie sie in ihren schlecht sitzenden Anzügen in Meetings sitzen und sich an Objekte klammern, die ihnen Bedeutung verleihen sollen. Sie zücken ihr schwarzglänzendes Zepter der administrativen Machtlosigkeit, ein Schreibgerät, dessen Preis die Monatsmiete einer durchschnittlichen Studentenwohnung übersteigt. Sie streicheln über das Edelharz, als wäre es ein religiöser Fetisch, und setzen damit ihre Unterschrift unter ein Protokoll, das in drei Tagen ohnehin niemand mehr liest, weil das Projekt längst beerdigt oder „neu priorisiert“ wurde. Ein Füllfederhalter für zweitausend Euro, um die eigene Irrelevanz auf Papier zu bannen – das ist kein Werkzeug, das ist ein Grabstein für den Friedhof der Eitelkeiten.

Lächerlich.

Synthese

Hier treten nun die neuen Akteure auf den Plan: autonome, algorithmische Entitäten. Während der Mensch noch mit seinem circadianen Rhythmus, seinem Hungergefühl und seinen ödipalen Komplexen kämpft, agieren diese Systeme jenseits der biologischen Reibungsverluste. Sie sind die perfekten Maxwellschen Dämonen der Moderne. Sie sortieren Informationen, trennen das Signal vom Rauschen, ohne jemals müde zu werden, ohne Kaffeepausen und ohne die Notwendigkeit, über das Wochenende nachzudenken. Sie brauchen keinen Obstkorb und keine „flachen Hierarchien“, um zu funktionieren.

Die betriebliche Ordnung, die wir bisher mühsam durch soziale Verträge, Betriebsfeiern und polizeiliche Präsenz simuliert haben, wird zu einem rein mathematischen Problem der Lastverteilung. Die „Organisation“ der Zukunft braucht keine Führungskräfte mehr, die sich für wichtig halten, nur weil sie gelernt haben, Schlagworte wie „Synergie“ unfallfrei auszusprechen. Sie braucht nur noch eine effiziente Fehlerkorrektur. Wir ersetzen den menschlichen Irrtum durch die kühle Präzision der Silizium-Logik. Das ist keine Dystopie, es ist schlichtweg energetische Optimierung. Der Mensch ist in diesem Spiel nur noch das Rauschen in der Leitung, eine thermische Fluktuation, die man konsequent wegfiltern muss, damit das System stabil bleibt.

Ich will nach Hause.

Der Glaube, dass wir durch „Leadership-Seminare“, „Agile Coaches“ oder bunte Post-its an Glaswänden den Zerfall aufhalten könnten, ist so sinnvoll wie der Versuch, den Akku eines veralteten Smartphones durch gutes Zureden und Handauflegen zu heilen. Am Ende siegt immer die Thermodynamik. Wir sind nur die vorübergehende Laune eines Systems, das Ordnung für einen kurzen Moment vorgaukelt, bevor es sich wieder in die angenehme Stille des Vakuums verabschiedet. Wer das nicht begreift, sollte vielleicht lieber wieder anfangen, mit Wachsmalstiften zu arbeiten. Das Niveau der Ergebnisse bliebe konstant, aber die Energiekosten für die Kaffeemaschine würden drastisch sinken.

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