Das Märchen vom ethischen Kollektiv
Setzen Sie sich. Nehmen Sie einen großen Schluck, Sie werden ihn brauchen. Schauen Sie sich diese Gestalten in ihren schlecht sitzenden Anzügen an, die dort drüben über „Corporate Social Responsibility“ und den „höheren Zweck“ ihres Unternehmens faseln. Es ist rührend, fast schon niedlich, wie sie versuchen, ihre banale Gier in das Gewand einer moralischen Instanz zu kleiden. Was für ein schmieriges Theater. Ein Unternehmen ist kein ethisches Subjekt und erst recht keine „große Familie“. Wenn man die dicke Schicht aus Marketing-Sprech und sentimentaler Selbstbeweihräucherung abkratzt, bleibt nichts weiter übrig als eine kalte, statistische Mannigfaltigkeit in einem hochdimensionalen Informationsraum.
Die sogenannte „Öffentlichkeit“ einer Firma ist keine soziale Verpflichtung, sondern lediglich eine Randbedingung in der Informationsgeometrie, ein lästiger Parameter, der verhindert, dass das ganze Kartenhaus sofort in sich zusammenfällt. Ein Konzern ist im Grunde wie eine dieser überteuerten Currywurstbuden am Alexanderplatz: Es geht nicht um die Qualität der Wurst oder das Lächeln der Verkäuferin, sondern einzig und allein um den thermodynamischen Durchsatz von Biomasse und Kapital. Alles andere – die bunten Logos, die Leitbilder, die Weihnachtsfeiern – ist bloßes Rauschen. Entropie, die wir uns einreden, um nicht wahnsinnig zu werden.
Der Mensch als Störfaktor im Rechenraum
Wenn wir die rosa Brille der Personalabteilung abnehmen und die Sache durch die Linse der Informationsgeometrie betrachten, wird es düster. Ein Unternehmen bewegt sich auf einer gekrümmten statistischen Oberfläche. Jede Entscheidung ist der verzweifelte Versuch, eine Geodäte – den kürzesten Weg – durch dieses unwegsame Gelände zu finden. Und was steht diesem eleganten mathematischen Prozess im Weg? Richtig: der Mensch. Der sogenannte „Teamgeist“, den Manager so gerne beschwören, ist physikalisch gesehen nichts anderes als Reibungswärme. Es ist der Lärm, der entsteht, wenn inkompatible biologische Einheiten in einem zu engen Raum aufeinanderprallen.
Wir halten Meetings ab, um „Synergien zu heben“, aber in Wahrheit erhöhen wir nur die lokale Entropie. Es ist, als würde man versuchen, einen Stau auf der A7 durch Hupen aufzulösen. Völlig sinnlos. Das Einzige, was wir tun, ist, Sauerstoff in Kohlendioxid zu verwandeln und wertvolle Rechenzeit zu verschwenden. Ich will nach Hause.
Und dann diese grotesken Rituale der Statuspflege. Haben Sie mal ins Büro eines dieser „Senior Vice Presidents“ geschaut? Da thront so ein mikromanagender Narziss auf einem ergonomischen Aeron-Stuhl für schlappe 2.500 Euro und bildet sich ein, dass dieses Gestell aus recyceltem Flugzeugaluminium und Netzgewebe seine kognitiven Defizite kompensieren könnte. Ein absurder Preis für ein Möbelstück, dessen einzige Funktion es ist, die Bandscheiben eines Mannes zu stützen, der das Rückgrat einer Qualle besitzt. Aber in der Logik des Kapitals ist das keine Verschwendung, sondern eine notwendige Investition zur Stabilisierung einer wackeligen Koordinate im Organigramm.
Die Diktatur der Algorithmen
Das Tragische ist, dass wir längst nicht mehr am Steuer sitzen. Wir haben die Kontrolle an automatisierte Optimierungsprozesse abgegeben, die wir früher naiv als „Werkzeuge“ betrachteten. Diese autonomen Rechenschleifen – nennen Sie sie bloß nicht „KI“, das impliziert eine Intelligenz, die nicht vorhanden ist – kümmern sich nicht um menschliche Befindlichkeiten. Für die Fisher-Informationsmatrix, die unsere Wirtschaft lenkt, ist ein entlassener Mitarbeiter kein Schicksalsschlag, sondern eine erfolgreiche Glättung der Kostenkurve. Wir sind keine Piloten mehr; wir sind die Fracht.
Diese Algorithmen suchen nach dem globalen Minimum der Kostenfunktion mit einer Kälte, die jeden Bürokraten im Finanzamt vor Neid erblassen lassen würde. Während wir uns noch über die Farbe des Logos streiten, hat das System bereits berechnet, dass unsere bloße Existenz ein statistischer Ausreißer ist, den es zu korrigieren gilt. Wir sind der „Bug“ im System, das Rauschen auf der Leitung, der Fleck auf der ansonsten makellosen Linse der Effizienz.
Es ist alles ein riesiger Witz. Wir klammern uns an analoge Statussymbole und „menschliche Werte“, während die Mathematik uns längst in verdauliche Datenhäppchen zerlegt hat. Bestellen Sie noch ein Bier. Oder besser zwei. Gegen diese Geometrie der Heuchelei hilft keine Logik mehr, nur noch Betäubung.
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