Der Kampf gegen den Kältetod
Erinnern Sie sich? Zuletzt saßen wir hier und philosophierten über die Optimierung von Lieferketten, als wären es die heiligen Adern einer Gottheit. Doch heute, wo der dritte, bedauerlich saure Riesling meine Magenschleimhaut angreift, müssen wir uns der nackten, hässlichen Wahrheit stellen. Die moderne Arbeitswelt ist kein Tempel der Effizienz, sondern ein verzweifelter, thermodynamisch aberwitziger Kampf gegen den Wärmetod des Universums. Wir quetschen uns jeden Morgen in überfüllte Bahnen, inhalieren den Angstschweiß fremder Leiber und starren auf Excel-Tabellen, nur um die Illusion aufrechtzuerhalten, dass wir nicht bloß komplexe biologische Heizkörper sind, die teure Energie in lauwarme Büroluft verwandeln.
Arbeit als erkaltendes Sandwich
Was BWL-Justus gerne „Wertschöpfung“ nennt, ist in der Sprache der Physik lediglich die mühsame Aufrechterhaltung einer dissipativen Struktur. Ein Unternehmen gleicht einem sündhaft teuren Wagyu-Sandwich, das man im Novemberregen auf einer Parkbank vergessen hat. Es mag zu Beginn noch Struktur und Wärme besitzen, aber ohne ständige, massive Energiezufuhr wird es binnen Minuten zu einer traurigen, kalten Masse, die niemand mehr anfassen will. Wir investieren „Humankapital“ – ein Begriff, so charmant wie eine unangekündigte Steuerprüfung –, um das System künstlich im Nicht-Gleichgewicht zu halten. Wir sind die Kohlen, die man in den Ofen schaufelt, damit die Bilanz nicht gefriert.
Der Mensch im Großraumbüro ist dabei im Grunde ein schlecht isoliertes Ladekabel von der Tankstelle. Wir werden heiß, wir geben merkwürdige Brummgeräusche von uns, und am Ende des Tages ist der Akku bei kritischen 2%, während die Hälfte unserer Energie als pure Frustration in die Umgebung diffundiert ist. Wir nennen das „Burnout“, aber physikalisch gesehen ist es nur ein lokaler Anstieg der Entropie, den das System nicht mehr kompensieren kann. Was für ein Schwachsinn.
Der ergonomische Ablasshandel
Wenn man die Neurobiologie der Motivation dekonstruiert, bleibt nichts als ein biochemischer Algorithmus zur Fehlerkorrektur. Wir empfinden „Sinn“, wenn wir die Unordnung in unserer unmittelbaren Umgebung verringern. Aber schauen Sie sich diese Absurdität an: Die Leute wissen nicht, wie sie ihre Miete zahlen sollen, aber sie kaufen sich einen ergonomischen Hochleistungs-Bürostuhl für den Preis eines Kleinwagens. Nicht, weil man darauf besser sitzt, sondern als eine Art teuren Exorzismus. Man glaubt, mit diesem Skelett aus Polymer und Netzstoff den Zerfall der eigenen Wirbelsäule und das Chaos des Lebens aufhalten zu können. Ein 2000-Euro-Thron für den König der Bedeutungslosigkeit.
In der Informationsgeometrie ist Arbeit die Bewegung auf einer statistischen Mannigfaltigkeit. Wir versuchen, die Distanz zwischen „Ist“ und „Soll“ zu minimieren. Doch je präziser wir werden, desto mehr „Abwärme“ produzieren wir in Form von Bürokratie. Ein Konzern ist eine Maschine, die an der Spitze Ordnung destilliert, indem sie nach unten hin ein Maximum an chaotischem Papierkrieg ausstößt. Das ist das zweite Gesetz der Thermo-Ökonomie: Die Sinnhaftigkeit der Arbeit nimmt proportional zur Anzahl der Middle-Management-Ebenen ab.
Der Dämon aus Silizium
Und nun tritt der Parasit auf die Bühne – die künstliche Intelligenz, oder besser gesagt: der automatisierte Dämon. Sie ist der wahrgewordene Maxwellsche Dämon des 21. Jahrhunderts. Sie sitzt an den Pforten unserer Datenströme und sortiert die schnellen Teilchen von den langsamen, Information von Rauschen, ohne dabei auch nur ins Schwitzen zu geraten. Während der Mensch noch krampfhaft versucht, eine E-Mail-Formulierung zu finden, die nicht passiv-aggressiv klingt, hat der Silizium-Parasit bereits das gesamte Entropie-Budget des Vorgangs wegoptimiert.
Das philosophische Ende vom Lied? Wenn die Kontrolle der Entropie vollständig an Algorithmen delegiert wird, verliert der Mensch seine Funktion als ordnende Struktur. Wir werden thermodynamisch irrelevant. Wenn die Maschine die „Ordnung“ schafft, bleibt uns nur noch das Rauschen. Wir werden zu Touristen unserer eigenen Zivilisation, die zusehen, wie Serverfarmen die Struktur aufrechterhalten, die wir einst mühsam durch Magengeschwüre und schlechten Kaffee erkauft haben. Vielleicht ist das die ultimative Freiheit: Wenn uns die Last der Struktur genommen wird, können wir endlich wieder das sein, was wir am besten können – reines, ungeordnetes Rauschen in einer perfekt kalten Welt. Herr Ober! Die Rechnung, bitte. Bevor mein Geldwert noch weiter zerfällt.
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