Dissipative Agonie

Wärmetod

Hören Sie mir auf mit dem „Gemeinwohl“. Sparen Sie sich das Geschwätz von „Corporate Purpose“ oder der „sozialen Verantwortung“, die angeblich in den Hochglanzbroschüren Ihrer Personalabteilung wohnt. Das ist das Opium für das Mittelmanagement, eine süßliche Lüge, um den Brechreiz zu unterdrücken, der unweigerlich aufsteigt, wenn man die nackte Realität betrachtet. Ein Unternehmen ist keine moralische Anstalt und sicher kein philanthropischer Verein. Es ist eine monströse metabolische Maschine, ein thermodynamischer Durchlauferhitzer, der nur einen einzigen Brennstoff kennt: Ihre biologische Lebenszeit. Wir sind keine „Talente“, die gefördert werden; wir sind Briketts, die man in den Ofen schaufelt, um die Illusion von Ordnung noch ein paar Quartale länger aufrechtzuerhalten, bevor der unvermeidliche Zerfall einsetzt.

Was für ein Elend.

Physiologischer Ekel

Betrachten Sie den modernen Arbeitsplatz doch einmal ohne die rosarote Brille der „New Work“-Propaganda. Was sehen Sie? Keine flachen Hierarchien oder agile Sprints. Sie sehen Fleisch, das in künstlichem Licht verfällt. Wir bezeichnen unsere Tätigkeit euphemistisch als „Wissensarbeit“ oder „Informationsmanagement“, als wären wir noble Archivare des Geistes. In Wahrheit schaufeln wir lediglich die kognitive Gülle anderer Leute von einem digitalen Eimer in den nächsten. Es ist, als würde man versuchen, einen verstopften Abfluss mit bloßen Händen zu reinigen, während der Chef einem im Nacken sitzt und fragt, ob man das nicht skalierbar gestalten könnte.

Spüren Sie das? Diese schleichende Taubheit in den Beinen? Das ist der Preis der Zivilisation. Man schnallt uns in einen sündhaft teuren Herman Miller Aeron, dieses Meisterwerk der ergonomischen Versklavung, das unsere Lendenwirbel und Bandscheiben gerade lange genug intakt hält, damit wir weiterhin profitabel Excel-Zellen ausfüllen können. Man verkauft uns diesen Stuhl als Fürsorge, dabei ist er nur das moderne Joch, das das Zugtier an den Pflug bindet. Man sitzt dort, eingepfercht zwischen dem Geruch von kaltem Angstschweiß, abgestandenem Filterkaffee und dem Ozon der Laserdrucker, und spürt, wie die eigene Vitalität langsam aus den Poren sickert. Es ist keine geistige Erfüllung, die wir hier finden; es ist die systematische Zermürbung des Nervensystems durch das blaue Flimmern der Monitore. Wir tauschen Dopamin gegen Cortisol, Tag für Tag, bis der Körper nur noch ein zuckendes Wrack ist, das am Wochenende mit Alkohol ruhiggestellt werden muss.

Ich brauche noch ein Bier. Der Gedanke allein verursacht mir Sodbrennen.

Das Gravitationsfeld der Armut

Und warum tun wir das? Aus „Leidenschaft“? Lächerlich. Ein Unternehmen ist eine dissipative Struktur im rein physikalischen Sinne: Es verbraucht Unmengen an Energie, um lokal die Entropie zu senken, während es das Chaos in der Umgebung – in unseren Seelen, in unseren Familien – exponentiell erhöht. Was dieses wacklige Konstrukt zusammenhält, ist nicht der „Teamgeist“ oder die „Vision“ des CEO. Es ist die nackte, kalte Gravitation der finanziellen Vernichtung. Wir arbeiten nicht, um uns zu verwirklichen, sondern weil die Alternative der soziale Freifall ist.

Die Angst vor der unbezahlten Miete, vor dem Verlust des gesellschaftlichen Status, das ist die einzige Kraft, die verhindert, dass wir alle aufstehen und brüllend aus dem Fenster springen. Die sogenannten „Benefits“ – der Obstkorb, das Jobrad, die jährliche Spende an ein Waisenhaus – sind nichts weiter als das Antibiotikum, das man dem Mastvieh ins Futter mischt, damit es nicht vor der Schlachtung an seinen eigenen Entzündungen verendet. Man erkauft sich unsere Duldung mit kleinen Dosen Komfort, die wir wiederum mit unserer Würde bezahlen.

Wir sind keine Architekten unseres Schicksals. Wir sind Vektoren in einem Kraftfeld, das wir nicht verstehen, gefangen in einer Endlosschleife aus Meetings, die hätten E-Mails sein können, und E-Mails, die hätten ignoriert werden sollen. Jede „Optimierung“, jede „Prozessverbesserung“ ist nur der verzweifelte Versuch, den Wärmetod des Systems hinauszuzögern, indem man die Reibungshitze auf die schwächsten Glieder der Kette abwälzt – auf Sie und mich. Das System frisst sich selbst, und wir applaudieren ihm dafür, solange die Überweisung am Monatsende pünktlich eintrifft.

Es gibt kein Entkommen. Die Thermodynamik verhandelt nicht. Am Ende bleibt nur das Rauschen.

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