Entropie-Export

Setzen Sie sich. Nein, nicht dorthin – der Stuhl wackelt bedenklich, eine wunderbare Allegorie auf das Fundament Ihrer gesamten beruflichen Existenz. Und starren Sie dieses Bier nicht so an, als hofften Sie auf eine göttliche Offenbarung. Es ist eine lauwarme, chemisch stabilisierte Plörre, exakt so geschmacklos wie die „Vision Statements“, die Ihre HR-Abteilung letzte Woche ins Intranet erbrochen hat.

Lassen Sie uns über das sprechen, was Sie fälschlicherweise als „Arbeit“ bezeichnen. Sie und Ihre Kollegen in den gut gebügelten Hemden glauben ja immer noch an diese rührende Fiktion von Produktivität und Wachstum. Physikalisch betrachtet ist das, was in Ihren Bürotürmen passiert, jedoch eine absolute Katastrophe. Ein Unternehmen ist kein Ort der Wertschöpfung, sondern ein thermodynamischer Albtraum. Es ist, um Prigogine zu zitieren – der sich im Grabe umdrehen würde, sähe er Ihr Organigramm –, eine dissipative Struktur. Sie pumpen hochwertige Energie in Form von Kapital und menschlicher Lebenszeit in ein geschlossenes System, und was kommt heraus? Lärm. Abwärme. Und Powerpoint-Folien. Das ist keine Ordnung, das ist der organisierte Verfall.

Was Sie als „Unternehmenskultur“ feiern, ist nichts weiter als der verzweifelte Versuch, die innere Reibungshitze so weit zu senken, dass der ganze Laden nicht spontan in Flammen aufgeht. Aber Reibung ist unvermeidbar. Wenn Sie von „Teamwork“ und „Synergien“ faseln, erhöhen Sie lediglich die Anzahl der kollidierenden Teilchen. Jedes neue Teammitglied, das Sie zur „Entlastung“ einstellen, wirkt wie Sand im Getriebe. Die organisatorische Viskosität steigt exponentiell an. Plötzlich brauchen fünf hochbezahlte Spezialisten eine ganze Woche, um eine E-Mail zu formulieren, die ein dressierter Schimpanse in drei Minuten getippt hätte. Das ist wie bei einem alten Dieselmotor im Winter: Viel Rauch, entsetzlicher Lärm, aber die Kiste bewegt sich keinen Millimeter vom Fleck.

Und dann diese groteske Obsession mit der Außenwirkung. „Publicity“ ist im Grunde nur der biologische Prozess, bei dem internes Chaos gefiltert, poliert und als „Markenwert“ nach außen exkrementiert wird. Je verrotteter der Kern, desto glänzender muss die Oberfläche poliert sein. Ich war neulich in so einem Büro eines Vorstandsvorsitzenden. Der Mann saß hinter einem Mahagoni-Trumm, breit wie ein Flugzeugträger, und seine Hände ruhten auf einer Schreibunterlage aus feinstem, handverlesenem Kalbsleder. Ein obszöner Preis für ein Stück tote Haut, nur damit die Tinte unter den Kündigungsschreiben oder den absolut sinnbefreiten Meeting-Protokollen sanft trocknet. Glauben Sie wirklich, das Leder merkt den Unterschied zwischen einem genialen Gedanken und dem bürokratischen Schwachsinn, der darauf verfasst wird? Natürlich nicht. Aber es beruhigt das Gewissen. Es suggeriert eine haptische Beständigkeit und Schwere, wo physikalisch gesehen nur heiße Luft ist. Das halbe Monatsgehalt, das für so ein Accessoire draufgeht, ist der Preis für die Illusion von Kontrolle.

Es ist alles nur Theater. Wir verpacken das Nichts in teures Geschenkpapier, um die Entropie zu maskieren. Nehmen Sie diese Vice Presidents, die in Meetings mit einem schweren, platinbeschichteten Füllfederhalter herumfuchteln, als wäre es das Zepter einer längst untergegangenen Monarchie. Das Ding wiegt schwer in der Hand, nicht wahr? Aber das ist nicht das Gewicht von Bedeutung oder Intellekt. Das ist das physikalische Gewicht Ihrer Verschuldung und Ihrer Eitelkeit. Sie schreiben damit Sätze, die niemand liest, in Notizbücher, die niemand öffnet, um Prozesse zu dokumentieren, die niemand versteht. Das ist der Kältetod des Universums, live und in Farbe, ausgetragen in klimatisierten Konferenzräumen unter dem Summen von Leuchtstoffröhren.

In der Informationsgeometrie würden wir sagen, dass der Abstand zwischen der behaupteten Realität des Unternehmens und der tatsächlichen Wahrscheinlichkeitsverteilung seiner Ergebnisse gegen Unendlich strebt. Die Divergenz explodiert. Und was machen Sie? Sie führen „Agile Methoden“ ein. Das ist, als würde man versuchen, die Brownsche Bewegung von Staubpartikeln durch Zurufe zu koordinieren. Reine Stochastik, verkauft als Strategie.

Wir sind im Grunde nur das Kühlwasser, mein Freund. Wir zirkulieren durch das System, nehmen die Hitze der Inkompetenz auf, werden kurz vorm Siedepunkt durch neue, naive Absolventen ausgetauscht und verdampfen dann in die Bedeutungslosigkeit der Rente – falls das System bis dahin nicht kollabiert ist. Ihre menschlichen Emotionen – Loyalität, Leidenschaft, Angst – sind dabei nur störende Bugs im Algorithmus. Biochemisches Rauschen, das die Effizienz der Ausbeutung mindert.

Trinken Sie aus. Die Bedienung schaut schon wieder so vorwurfsvoll, als hätte ich gerade den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik persönlich beleidigt oder ihr Trinkgeld entwertet. Wahrscheinlich hat sie recht. Bestellen Sie noch ein Helles, und versuchen Sie diesmal, beim Schlucken nicht so viel Entropie zu erzeugen. Wir haben schon genug Chaos für einen Tag verursacht.

コメント

コメントを残す

メールアドレスが公開されることはありません。 が付いている欄は必須項目です