Geometrie der Erschöpfung

Es ist ein amüsanter, fast rührender Anachronismus unserer Zeit, dass wir im 21. Jahrhundert immer noch über „Berufung“ sprechen, als handele es sich dabei um eine göttliche Eingebung und nicht um eine banale statistische Wahrscheinlichkeit, die primär durch den Postleitzahlbereich Ihrer Geburt und das Einkommen Ihrer Eltern determiniert wurde. Wir sitzen in klimatisierten Glaskästen, die die sterile Aura eines Operationssaals mit der intellektuellen Stimulanz einer Autobahnraststätte verbinden, und starren auf Excel-Tabellen, die die Konsistenz von flüssigem Beton haben. Dabei füllen wir Umfragen zur „Mitarbeiterzufriedenheit“ aus, als ob das limbische System eines Angestellten im mittleren Management mehr wäre als ein schlecht kalibrierter Sensor für soziale Bestätigung und den Koffeinspiegel, der stündlich zwischen Herzrasen und totalem bio-elektrischen Kollaps schwankt.

Dieser ganze Zirkus, diese liturgischen Tänze um den „Quarterly Business Review“, sind nichts weiter als der verzweifelte Versuch, der eigenen Bedeutungslosigkeit einen Namen zu geben. Wir müssen die Arbeit dort betrachten, wo sie wirklich stattfindet: nicht in den glänzenden Broschüren der HR-Abteilung, sondern auf der statistischen Mannigfaltigkeit unserer kollektiven Erschöpfung.

Das Arbeitstier und die Entropie des Billig-Mittags

Betrachten wir eine Karriere bitte nicht als eine „Leiter“ – diese Metapher ist ohnehin nur etwas für Leute, die zu viele Motivationsposter mit kletternden Katzen in ihren Büros hängen haben –, sondern als eine Trajektorie auf einer riemannschen Mannigfaltigkeit von Wahrscheinlichkeitsverteilungen. In der Informationsgeometrie ist ein „Job“ lediglich ein Punkt im Raum der Möglichkeiten. Doch in der Realität, dieser hässlichen Schwester der Theorie, ist es der Ort, an dem Sie Ihre Lebenszeit gegen das zweifelhafte Privileg eintauschen, sich mittags eine überteuerte Pizza zu bestellen, die nach Pappe, lauwarmem Käse und stiller Reue schmeckt. Ihre Fähigkeiten, Ihr Gehalt, Ihre Tendenz, in Meetings unauffällig zu gähnen, während ein Vorgesetzter Buzzwords wie Konfetti in den Raum wirft – all das sind Koordinaten in einem Raum, der so gekrümmt ist, dass Sie sich ohnehin nur im Kreis bewegen.

Was wir euphemistisch als „berufliche Entwicklung“ bezeichnen, ist physikalisch gesehen lediglich der Versuch, die Kullback-Leibler-Divergenz zwischen unserem aktuellen Zustand der Unzulänglichkeit und dem Idealbild eines „erfolgreichen“ Marktsubjekts zu minimieren. Es ist der gleiche thermodynamische Prozess, als würde man versuchen, aus einem Haufen feuchtem Müll Gold zu pressen. Wir optimieren unsere Entropie, um den Erwartungen anonymer Aktionäre zu entsprechen, während unser eigener innerer Akku längst die Tiefentladung erreicht hat. Sie sind kein „Talent“, Sie sind eine Verschleißerscheinung. Sie sind wie ein altes Smartphone, dessen Lithium-Ionen-Struktur so degradiert ist, dass es bei 20 % Restladung einfach das Bewusstsein verliert, wenn man versucht, eine App zu öffnen, die mehr als drei Neuronen erfordert. Ihr Marktwert ist keine Kurve, die nach oben zeigt; er ist ein sinkender Pegelstand in einem Loch ohne Boden.

Die Krümmung der täglichen Erniedrigung

Die Geometrie der Karriere ist jedoch nicht flach, auch wenn Ihr Enzephalogramm während des wöchentlichen Jour-fixe so aussieht. Sie besitzt eine tückische Krümmung, definiert durch die Fisher-Information, die in Ihrem Fall wahrscheinlich so gering ist, dass man sie kaum vom thermischen Rauschen einer defekten Kaffeemaschine unterscheiden kann. Wenn Sie sich in einem hochspezialisierten Feld bewegen, ist die Metrik so eng, dass jede kleinste Abweichung – ein falsches Wort beim Geschäftsessen, die Wahl der falschen Krawattenfarbe oder ein leicht zu lautes Ausatmen, während der CEO über Synergien phantasiert – Sie in ein völlig anderes Gravitationsfeld katapultiert. Meistens direkt in die Bedeutungslosigkeit der Arbeitsagentur oder in ein fensterloses Büro im Untergeschoss.

Wir nennen das „Schicksal“ oder „Pech“, aber eigentlich ist es nur die Unfähigkeit des Individuums, die Krümmung seines eigenen Berufsfeldes zu berechnen. Viele verharren in einem lokalen Minimum ihrer Existenz, festgefahren wie ein 40-Tonner unter einer zu niedrigen Autobahnbrücke in Castrop-Rauxel, während sie glauben, sie bräuchten eine „Vision“. Was sie eigentlich bräuchten, wäre die nüchterne Einsicht, dass ihr Leben so linear verläuft wie eine Flatline auf einem EKG. Ich sah neulich einen jungen Berater, der allen Ernstes glaubte, dass seine „Leidenschaft“ ihn vor der Redundanz bewahren würde. Leidenschaft ist in der Thermodynamik der Karriere lediglich die Abwärme eines Reibungsprozesses, der entsteht, wenn man zu fest an seinem Stuhl klebt. Wer heißläuft, verschleißt schneller, und am Ende bleibt nur der bittere Geschmack von kaltem Filterkaffee und die Erkenntnis, dass man für die Geodäten der Profitabilität nur ein störendes Rauschen war.

Materielle Psychosen und der Preis des Schweigens

Der verzweifelte Versuch, dieser mathematischen Kälte zu entkommen, führt oft zu bizarren Kompensationsmechanismen. Man kauft sich Dinge, um die Leere zu füllen, die die 60-Stunden-Woche in die Seele gefressen hat. Es ist fast rührend, ja geradezu pathologisch zu beobachten, wie Menschen Unsummen für einen Herman Miller Aeron ausgeben, nur um acht bis zehn Stunden am Tag darauf zu sitzen und ihre Wirbelsäule in die Form eines traurigen, degenerierten Fragezeichens zu biegen. Als ob das patentierte Netzgewebe („Pellicle“) und die verstellbare Lumbalstütze die Tatsache kaschieren könnten, dass man lediglich ein austauschbares Datenpaket im globalen Strom ist, ein weicher Biokörper auf einem harten Gitter, der darauf wartet, wegrationalisiert zu werden.

Man schreibt seine wertlosen Notizen in Moleskine-Bücher mit einem Füllfederhalter, der teurer ist als die gesamte Monatsmiete eines Studenten, und bildet sich ein, die Tinte würde den trivialen Gedanken mehr Gewicht verleihen. Es ist ein ritueller Wahnsinn. Wir transformieren biochemische Energie in digitale Signale, in PowerPoint-Folien für Leute, die sie nicht verstehen, und E-Mails, die direkt in den digitalen Orkus wandern, ungelesen, ungeliebt. Am Ende des Tages ist die Optimierung des Karrierepfades eine Übung in Demut vor der eigenen Irrelevanz. Die „Selbstverwirklichung“ ist ein Rundungsfehler im großen System der Energieerhaltung.

Ich sollte jetzt wohl nach Hause gehen und meinen eigenen Akku degradieren lassen. Die Krümmung des Raumes zwischen dieser Bar und meinem Bett scheint mir heute Abend ohnehin unüberwindbar groß zu sein, was wahrscheinlich an der Qualität dieses billigen Whiskys liegt, der in meinem Magen gerade eine eigene kleine statistische Mannigfaltigkeit des Schmerzes eröffnet. Bleiben Sie in Ihren lokalen Minima; es ist dort zumindest einigermaßen warm und man muss sich nicht bewegen. Was für ein bodenloser Schwachsinn das alles doch ist.

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