Organisierter Wärmetod

Die Physik der kollektiven Dummheit

Nachdem wir uns beim letzten Mal über die tragikomische Illusion der individuellen Selbstoptimierung unterhalten haben – Sie wissen schon, dieser rührende Glaube, dass man mit drei Tassen Matcha und einer To-Do-Liste das Universum überlisten könnte –, müssen wir den Blick weiten. Treten wir aus der stickigen Kabine des Ego-Shooters heraus und betrachten wir das große Schlachtfeld: die „Organisation“.

Was wir landläufig als „Unternehmen“ bezeichnen, ist bei nüchterner Betrachtung nichts weiter als eine künstliche Aufrechterhaltung eines unwahrscheinlichen Zustands. In der Physik nennen wir das ein offenes, fern vom Gleichgewicht befindliches System. Die Betriebswirtschaftslehre versucht uns einzureden, dass es dort um „Werte“ oder „Missionen“ geht. Was für ein Schwachsinn. In Wahrheit ist jede Aktiengesellschaft nur eine hochkomplexe Maschine, die verzweifelt versucht, den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu ignorieren. Es ist ein Kampf gegen den Zerfall, geführt mit Powerpoint-Folien.

Reibungsverlust als Lebensinhalt

Stellen Sie sich eine typische Montagmorgensitzung vor. Die Luft im Konferenzraum ist eine Mischung aus kaltem Schweiß, abgestandenem Deodorant und der Ausdünstung von Menschen, die innerlich bereits gekündigt haben. Aus physikalischer Sicht ist dies der Ort der maximalen Entropieproduktion. Da sitzen sie nun, eingezwängt in ihre Anzüge, und parken ihre Hintern auf absurd teuren ergonomischen Sitzmöbeln, die fast so viel kosten wie ein gebrauchter Kleinwagen. Warum geben Firmen Tausende für diese Netzrücken-Konstruktionen aus? Nicht aus Fürsorge. Sondern weil man hofft, dass die Lendenwirbelstütze das fehlende Rückgrat der Führungsebene kompensiert. Man kauft sich den physiologischen Komfort, um den psychischen Schmerz der Bedeutungslosigkeit zu ertragen.

Jede E-Mail, in der fünf Leute in CC gesetzt werden, jedes „Synergie-Meeting“, das keine Entscheidung hervorbringt, ist reine Reibung. In einem geschlossenen System würde diese massive Energieverpuffung zum sofortigen Hitzetod führen. Aber das Unternehmen überlebt als sogenannte „dissipative Struktur“. Es saugt Ordnung von außen auf – in Form von frischem Kapital, naiven Absolventen mit noch funkelnden Augen und Rohstoffen – und kackt im Gegenzug Entropie in die Umwelt aus. Wir nennen das dann „Marktwachstum“. Es ist so effizient wie ein alter Dieselmotor im tiefsten Winter: Viel Lärm, viel Gestank, und man ist froh, wenn die Karre überhaupt anspringt, ohne zu explodieren.

Der Export des Zerfalls

Das Geheimnis erfolgreicher Organisationen liegt nicht in ihrer Innovation, sondern in ihrem Talent zum Entropie-Export. Ein Unternehmen evolviert nach dem Prinzip der minimalen Entropieproduktion. Das bedeutet nicht, dass es „besser“ wird. Es bedeutet nur, dass es lernt, den internen Zerfall so geschickt nach außen zu delegieren, dass es stabil aussieht. Die Bürokratie ist hierbei der biologische Zellkern der Ineffizienz.

Wir Deutschen haben hierbei eine besondere Begabung für das Über-Engineering des Sozialen. Wenn ein Prozess nicht funktioniert, bauen wir noch eine Schicht Kontrolle drüber, bis das System unter seinem eigenen Gewicht kollabiert. Es ist wie eine fettige Currywurst, auf die man noch mehr billigen Ketchup kippt, um den Geschmack des Gammelfleischs zu übertünchen. Und am Ende wird das Ganze mit einem Edelharz-Füllfederhalter unterzeichnet. Ein Instrument für Hunderte von Euro, das wie ein Zepter geschwungen wird, um Dokumente zu signieren, die weniger wert sind als das Papier, auf dem sie gedruckt wurden. Diese groteske Diskrepanz zwischen dem Werkzeug und dem Werk ist der ultimative Beweis für den Realitätsverlust. Man klammert sich an Statussymbole, weil die Substanz längst verdampft ist.

Das kalte Gleichgewicht

Die Evolution der Organisation steuert auf einen Zustand zu, den wir als „stationäres Nichtgleichgewicht“ bezeichnen. Die erfolgreichste Firma ist diejenige, die es schafft, sich so weit wie möglich zu versteinern, ohne dabei den Kontakt zur Energiequelle zu verlieren. Innovation ist in diesem Sinne ein gefährlicher Parasit. Sie bringt Unruhe in die wohlgeordnete Entropie-Abfuhr.

Wenn Sie das nächste Mal in Ihrem Open-Space-Büro sitzen – dieser architektonischen Bankrotterklärung an die Konzentrationsfähigkeit – und sich verzweifelt Noise-Cancelling-Kopfhörer über die Ohren stülpen, denken Sie daran: Sie kaufen sich für viel Geld die Stille zurück, die Ihnen die Natur umsonst geben würde, nur um den Lärm derer auszublenden, die nichts zu sagen haben. Sie sind kein „Human Resource“. Sie sind ein thermodynamischer Konverter. Sie nehmen Kaffee und Informationen auf und verwandeln sie in Berichte und Abwärme.

Das Universum strebt nach Unordnung, und Sie sind die kleine, lächerliche Instanz, die versucht, die Stapel auf dem Schreibtisch geradezurücken. Ein Sisyphos im Polyester-Mischgewebe, der nicht merkt, dass der Berg selbst bereits schmilzt. Was für eine Verschwendung von Photonen.

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