Statistische Restwärme

Der Komposthaufen der Organisation

Setzen Sie sich. Nehmen Sie einen Schluck von diesem lauwarmen Bier; es ist die einzige ehrliche Substanz, die Ihnen heute begegnen wird. Man hat mir zugetragen, Sie wollten etwas über die „Dynamik der Entscheidungsfindung“ wissen. Ein drolliger Begriff. Er klingt so herrlich nach Wissenschaft, nach Kontrolle, nach einer Welt, in der Ursache und Wirkung noch Händchen halten. In Wahrheit ist das, was Sie in Ihren verglasten Bürotürmen treiben, nichts anderes als das verzweifelte Stapeln von feuchtem Karton in einem Windkanal.

Hören Sie auf, von „Unternehmenskultur“ zu faseln. Das ist kein kulturelles Phänomen, das ist ein biologischer Zersetzungsprozess. Wenn Sie zehn Manager in einen Raum sperren und die Tür verriegeln, entsteht keine Intelligenz. Es entsteht lediglich Wärme und ein spezifischer Geruch – eine Mischung aus billigem Raumspray, kaltem Kaffeewasser und der Ausdünstung von Menschen, die wissen, dass ihre Jobbeschreibung eigentlich nur ein glorifizierter Platzhalter in einer Excel-Tabelle ist. Wir nennen das „Meeting“. Ich nenne es: Kompostierung unter Leuchtstoffröhren. Man wirft Phrasen auf einen Haufen, rührt um und hofft, dass am Ende etwas Fruchtbares dabei herauskommt. Meistens ist es aber nur Methan.

Die Matratze der Mittelmäßigkeit

Vergessen Sie das Gerede von der „statistischen Mannigfaltigkeit“ aus meinen früheren Vorlesungen. Ich war zu nüchtern und zu optimistisch. Lassen Sie uns physikalisch werden. Der sogenannte Konsens in einer Organisation funktioniert wie eine billige, durchgelegene Matratze in einem Stundenhotel. Jede Meinung, jeder Einwand ist ein Körper auf dieser Matratze. Und was passiert? Die Schwerkraft der bloßen Masse zieht alles in die Mitte, in die tiefste, ausgeleiertste Kuhle.

Das ist keine „Konvergenz der Ideen“. Das ist physikalische Trägheit. Sie glauben, Sie treffen eine Entscheidung? Unsinn. Sie rutschen einfach nur dorthin, wo der Widerstand am geringsten ist. Neurobiologisch betrachtet ist Ihr „Bauchgefühl“ in diesem Moment nichts weiter als das Rauschen eines überforderten Primatengehirns, das verzweifelt Muster im Chaos sucht, wie ein Betrunkener, der in einer Pfütze den Sternenhimmel zu erkennen glaubt. Wir optimieren hier nichts. Wir minimieren lediglich den Schmerz des Denkens, indem wir uns kollektiv auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen. Das Ergebnis ist immer beige, formlos und schmeckt nach nichts – wie das Kantinenessen, das diesen Prozess am Leben erhält.

Der stochastische Fleischwolf

Und dann kommen Sie mit Ihren „Automatisierungs-Initiativen“. Sie installieren Rechenmaschinen – nennen wir sie beim Namen: stochastische Fleischwölfe –, um die Effizienz zu steigern. Glauben Sie ernsthaft, das ändert die Qualität des Endprodukts? Wenn Sie verrottetes Fleisch schneller durch den Wolf drehen, haben Sie am Ende immer noch verrottetes Hackfleisch, nur eben in Rekordzeit. Die Maschine „denkt“ nicht. Sie zieht geodätische Linien durch einen Datenraum, der so voller menschlicher Vorurteile und Fehler ist, dass jede mathematische Präzision zur Farce verkommt.

Die einzige wirkliche Veränderung ist die Geschwindigkeit der Demütigung. Früher brauchten Sie Wochen, um einen strategischen Fehler zu machen; heute erledigt das System das in Millisekunden für Sie. Und was tun die Menschen? Sie klammern sich an Fetische. Beobachten Sie mal die obere Etage. Je irrelevanter der menschliche Beitrag wird, desto teurer werden die Accessoires. Da wird dann ein [handgebundenes Notizbuch aus italienischem Kalbsleder](https://www.amazon.de/s?k=luxus+leder+notizbuch+handgefertigt) auf den Konferenztisch geknallt, als wäre es der Heilige Gral. Es ist ein rührendes Schauspiel: Man streichelt das Papier, riecht am Leder und bildet sich ein, dass die notierten Banalitäten dadurch an Gewicht gewinnen. Dabei ist es nur ein analoger Grabstein für Gedanken, die ohnehin totgeboren waren. Ein zweihundert Euro teurer Platzhalter für fehlende Souveränität.

Die Entropie des Zahltags

Was am Ende übrig bleibt, ist das, was ich die „Restwärme“ nenne. Es ist dieses schale Gefühl, das Sie haben, wenn Sie nach zehn Stunden Arbeit auf Ihr Smartphone starren und nur noch Ihren eigenen fettigen Fingerabdruck auf dem schwarzen Display sehen. Die totale Optimierung der Arbeitswelt führt nicht zur Befreiung, sondern in eine glatte, reibungslose Hölle. Wenn alle Kanten abgeschliffen sind, wenn jeder Prozess „lean“ ist, woran wollen Sie sich dann noch festhalten? Sie rutschen einfach ab.

Es ist wie das Gefühl, drei Tage vor dem Zahltag auf den Kontostand zu schauen. Diese hohle Übelkeit im Magen. Das System hat Ihnen alles an Energie entzogen, was thermodynamisch verwertbar war, und was zurückbleibt, ist diese nutzlose, entropische Erschöpfung. Wir haben uns eine Welt gebaut, die so effizient ist, dass sie für menschliche Unzulänglichkeiten – also für das Menschsein an sich – keinen Platz mehr hat. Wir sind nur noch das thermische Rauschen in einer Gleichung, die wir nicht verstehen und die uns nicht braucht.

Gehen Sie nach Hause. Mein Glas ist leer und Ihre Illusionen sollten es jetzt auch sein.

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