Thermischer Stillstand

Setzen wir uns.

Nein, nicht an diesen Tisch mit der klebrigen Tischdecke, der mich fatal an die fettigen Überreste einer misslungenen Betriebsfeier erinnert. Wussten Sie eigentlich, dass die meisten modernen Unternehmen rein physikalisch betrachtet nichts anderes sind als verstopfte Abflussrohre, in denen die warme Brühe der Inkompetenz stagniert? Man nennt das in der Führungsetage gerne „Agilität“ oder „Synergie“, aber wenn man den teuren Marketing-Lack abkratzt, bleibt nur die nackte, hässliche Thermodynamik übrig. Ein Unternehmen ist kein Uhrwerk. Wer das glaubt, hat wahrscheinlich noch nie versucht, in einer deutschen Behörde eine Packung Büroklammern zu beantragen, ohne dabei einen Herzinfarkt zu riskieren.

Eine Organisation ist eine dissipative Struktur im Sinne von Ilya Prigogine. Sie existiert nur deshalb, weil sie permanent Energie – also Ihr Geld, Ihren schlechten Automatenkaffee und die Lebenszeit von verzweifelten Mittzwanzigern – ansaugt und in Form von purer Entropie wieder ausstößt. Diese Entropie manifestiert sich nicht in Ordnung, sondern in Excel-Tabellen, die so langweilig sind, dass sie beim Lesen die Netzhaut verätzen. Es ist ein thermischer Fleischwolf, der Talente frisst und lauwarme PowerPoint-Folien ausscheidet.

Die Entropie des Kantinenessens

Nehmen wir das Beispiel einer Currywurst-Bude im Vergleich zu einem DAX-Konzern. Der Imbissstand ist ein hocheffizientes System fernab des thermodynamischen Gleichgewichts. Wurst rein, Hitze drauf, Geld her, Kunde weg. Die Dissipation ist minimal, der Nutzen maximal. Ein Großkonzern hingegen gleicht eher einer kaputten Heizung im Winter: Man pumpt Unmengen an Kapital hinein, aber die Wärme kommt nie bei den Heizkörpern an, sondern verpufft in den isolierfressenden Rattennestern der mittleren Management-Ebene.

In der klassischen BWL faselt man von „Optimierung“. In der Realität ist jede Entscheidung ein Symmetriebruch, so irreversibel wie ein umgekipptes Glas billiger Rotwein auf einem weißen Teppich. Man bekommt den Fleck nicht mehr raus. Sobald ein Vorstand eine „Strategie“ verkündet, rutscht das gesamte System in einen neuen Abgrund. Man kann eine Organisation nicht „zurücksetzen“. Versuchen Sie mal, den Senf wieder in die Tube zu drücken, nachdem Sie ihn sich im Zorn über Ihr zu teures Hemd geschmiert haben. Es ist unmöglich. Jede E-Mail, jeder Cc-Verteiler erhöht die interne Reibung, bis das ganze Gebilde vor lauter Hitze glüht, ohne sich einen Millimeter zu bewegen.

Die Agonie im Designer-Sessel

Warum kollabieren diese Konstrukte nicht sofort? Weil sie sich in einem Zustand fernab des Gleichgewichts befinden. Im Gleichgewicht ist man tot. Ein System, das im thermischen Gleichgewicht ist, tut nichts mehr. Es ist so still wie ein Großraumbüro am Freitagnachmittag, wenn alle so getan haben, als würden sie arbeiten, während sie in Wahrheit nur darauf warten, dass die Uhr endlich die Erlösung einläutet. Damit ein Unternehmen „lebt“, muss es permanent instabil bleiben. Es braucht den ständigen Fluss von Bullshit-Informationen, um die Illusion von Struktur aufrechtzuerhalten.

Wenn der Informationsfluss jedoch zu groß wird – wir nennen das „Digitalisierung“, was eigentlich nur bedeutet, dass man jetzt auch auf dem Klo von seinem Chef belästigt werden kann –, kippt das System. Es entstehen neue, parasitäre Abteilungen für „Change Management“ oder „Feel-Good-Officer“. Das sind die Krebsgeschwüre des Spätkapitalismus. Wir bilden komplexe Muster, nur um die überschüssige Energie loszuwerden, die eigentlich in produktive Arbeit hätte fließen sollen. Aber wer will schon arbeiten, wenn man in einem Herman Miller Embody Chair thronen kann, während die eigene Wirbelsäule das Einzige ist, was in diesem Laden noch eine klare Haltung bewahrt? Man zahlt zweitausend Euro für ein ergonomisches Wunderwerk, nur um darin acht Stunden lang schweigend zu verfaulen und PDF-Dokumente von links nach rechts zu schieben, die morgen ohnehin niemand mehr kennt.

Der Wärmetod der Bürokratie

Mathematisch gesehen ist der Zustand eines Unternehmens eine Trajektorie in einem Sumpf aus zähem Schlamm. Die „Unternehmenskultur“ ist dabei lediglich die Viskosität dieses Schlamms. Je zäher die Kultur, desto mehr Kraft muss man aufwenden, um überhaupt eine Richtungsänderung zu erzwingen, nur um dann festzustellen, dass man tiefer eingesunken ist als zuvor. Es ist ein permanenter Kampf gegen das Ertrinken in der eigenen Bedeutungslosigkeit.

Am Ende steht der Wärmetod. Die Bürokratie wächst so lange, bis die gesamte aufgenommene Energie nur noch für die Selbsterhaltung der eigenen Verwaltung verbraucht wird. Es wird kein Produkt mehr erzeugt, keine Dienstleistung mehr erbracht. Es wird nur noch verwaltet, dass verwaltet wird. Das System ist dann perfekt geordnet – wie ein Friedhof – und gleichzeitig vollkommen nutzlos. Man sitzt an seinem Schreibtisch, starrt auf sein Montblanc Meisterstück – ein Schreibgerät für über tausend Euro, das für die Ewigkeit gebaut wurde – und nutzt es lediglich, um einen Urlaubsantrag zu unterschreiben, den ein Algorithmus Sekunden später ohnehin im digitalen Nirgendwo löscht.

Die physikalische Realität ist unerbittlich: Die Tinte fließt, die Zeit verrottet, und die Ordnung, die wir mühsam aufrechterhalten, ist nichts weiter als ein kurzes, verzweifeltes Aufbäumen gegen das unvermeidliche Rauschen der Vergessenheit.

Prost. Der nächste Wein geht auf die Fakultät – oder auf den Untergang der Zivilisation. Je nachdem, was zuerst an den Tisch geliefert wird.

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