Thermodynamischer Zerfall

Man sagt, Arbeit veredelt den Menschen. Ein schöner Satz für Sonntagsreden, während man in der Realität meist nur dabei zusieht, wie die eigene Lebenszeit in Excel-Tabellen diffundiert, die morgen niemand mehr liest. Die moderne Arbeitswelt ist kein Ort der Selbstverwirklichung, sondern eine gut ausgeleuchtete Vorhölle, in der wir unsere verbleibenden Herzschläge gegen wertloses Fiatgeld tauschen. Wir huldigen dem Gott der Produktivität, als wäre er eine moralische Instanz und nicht bloß ein statistisches Rauschen in einem Universum, das ohnehin unaufhaltsam auf den Wärmetod zusteuert. Besonders amüsant wird dieses Theater, wenn wir über „Startups“ sprechen – diese säkularen Kathedralen des Optimismus, in denen junge Menschen in weißen Turnschuhen ernsthaft glauben, sie könnten die fundamentalen Gesetze der Physik durch bloße Willenskraft und koffeinhaltige Limonade außer Kraft setzen.

Prost. Das erste Bier ist das einzige, was in diesem System wirklich Ordnung schafft. Alles andere ist bloß Kosmetik auf einem verwesenden Kadaver.

Entropie: Die Verwaltung des Verfalls

Betrachten wir das Ganze einmal ohne das sentimentale Marketing-Gequatsche von „Disruption“ und „Agilität“. Ein Unternehmen ist im Grunde nichts anderes als eine dissipative Struktur im Sinne von Ilya Prigogine – ein fernab vom thermodynamischen Gleichgewicht existierendes, offenes System, das wie eine offene Wunde ständig nach Energie schreit. Was bedeutet das für den durchschnittlichen Büro-Insassen? Ganz einfach: Ordnung ist verdammt teuer. Um eine Struktur – sei es ein biologischer Organismus oder eine Marketing-Abteilung – gegen den natürlichen Zerfall aufrechtzuerhalten, muss permanent Energie hineingepumpt werden. Und dabei entsteht unweigerlich Abfall.

In der Physik ist es Wärme, im Großraumbüro ist es Bürokratie. Es sind die endlosen Slack-Channels, die cc-E-Mails, die niemand liest, und die deprimierende Erkenntnis, dass man für die Korrektur einer einzigen Fußnote drei „Alignment-Meetings“ benötigt. Die meiste Zeit verbringen Organisationen nicht damit, Werte zu schaffen, sondern damit, den eigenen Zerfall zu verwalten. Es ist wie bei einem alten Dieselmotor, der nur noch Ruß hustet: Man steckt mehr Energie in die Wartung der Maschine, als sie jemals an Leistung abgeben wird. Ein Startup ist im Grunde ein hochenergetisches Experiment, das versucht, Ordnung schneller aufzubauen, als die natürliche Entropie sie wieder zerfressen kann. Es ist ein Wettlauf gegen das Chaos, finanziert durch Risikokapital, das im Grunde nichts anderes ist als künstlich injizierte Negentropie, um den unvermeidlichen Kollaps noch ein paar Quartale hinauszuzögern.

Stoffwechsel: Reibungshitze und Eitelkeit

Damit dieses System nicht sofort in sich zusammenfällt, braucht es einen aggressiven Stoffwechsel. Information und Kapital fließen hinein, komplexe und oft vollkommen nutzlose Dienstleistungen fließen heraus. Der Gründer fungiert dabei nicht als visionärer Halbgott, wie es uns die Tech-Blogs weismachen wollen, sondern lediglich als chemischer Katalysator. Er senkt die Aktivierungsenergie für Reaktionen, die unter normalen Bedingungen – also bei gesundem Menschenverstand – niemals stattfinden würden.

In der Anfangsphase gleicht das Ganze einer heftigen exothermen Reaktion. Es knallt, es leuchtet, alle sind begeistert von der Hitze. Aber die Thermodynamik ist eine unerbittliche Buchhalterin. Je größer das System wird, desto mehr Energie wird für die interne Reibung verbraucht. Irgendwann besteht die „Arbeit“ nur noch daraus, die Reibungshitze menschlicher Inkompetenz wegzuwedeln. Man kauft sich dann zur Kompensation der inneren Leere Dinge, die man nicht braucht, um eine Professionalität zu simulieren, die nicht existiert. Ich sah neulich einen CEO, der ernsthaft glaubte, seine kreative Impotenz mit einem handgefertigten Notizbuch aus italienischem Kalbsleder für schlappe 250 Euro kurieren zu können. Als ob das tote Tierhaut-Artefakt die absolute Belanglosigkeit der darauf notierten Gedanken („Synergien heben!!“) korrigieren könnte. Es ist dieser rührende Glaube an den Warenfetisch, der uns zeigt, wie verzweifelt wir versuchen, dem Nichts eine Form zu geben.

Kollaps: Die Rückkehr zur Stille

Jede dissipative Struktur hat eine Grenze. Wenn der Energiefluss – also das Geld der Investoren oder die Geduld der Kunden – nachlässt, greift das zweite Gesetz der Thermodynamik mit voller Härte. Das System kehrt in den Zustand maximaler Entropie zurück. In der Welt der Startups nennt man das „Pivot“ oder, wenn man ehrlich ist, „Insolvenz“. Die künstliche Ordnung löst sich auf, die Mitarbeiter diffundieren wie Gasmoleküle in andere instabile Systeme, und zurück bleibt nichts als ein paar geleaste Designerstühle und ein verwaister Kicker-Tisch, dessen Griffe noch vom Angstschweiß der letzten Finanzierungsrunde kleben.

Wir Menschen betrachten das als Tragödie, als Scheitern. Dabei ist es aus rein physikalischer Sicht der natürlichste und friedvollste Vorgang der Welt. Das Universum liebt das Gleichgewicht, es liebt die Ruhe. Unsere hektische Betriebsamkeit ist lediglich ein kurzer, flackernder Fehler im System, eine statistische Anomalie, die wir „Karriere“ nennen. Wir sind wie Kinder, die am Strand Sandburgen bauen, während die Flut bereits die Knöchel umspült, und uns dann über die Grausamkeit des Ozeans beschweren, wenn das Wasser unser kleines Imperium verschluckt.

Eigentlich ist das alles ziemlich lächerlich. Man versucht, ein komplexes Problem durch noch mehr Komplexität zu lösen, als würde man ein brennendes Haus mit Benzin löschen wollen, nur weil das Benzin so schön blau leuchtet. Am Ende steht immer die Erkenntnis, dass wir nur molekulare Haufen sind, die versuchen, so zu tun, als hätten ihre Quartalsziele eine tiefere Bedeutung für die Raumzeit. Kellner? Ich brauche noch eins. Schnell.

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