Topologie des Scheiterns

Die Lüge vom runden Tisch

Bevor Sie das nächste Mal das Wort „Gemeinwohl“ oder „Publicness“ in den Mund nehmen, tun Sie mir einen Gefallen: Atmen Sie tief ein. Riechen Sie das? Das ist nicht der Duft von Demokratie oder diskursiver Freiheit. Das ist die abgestandene Luft eines überbelegten Konferenzraums, eine toxische Mischung aus kaltem Filterkaffee, Angstschweiß und der kollektiven Weigerung, eine Entscheidung zu treffen. Was wir in der modernen Organisationssoziologie euphemistisch als „Konsensfindung“ bezeichnen, ist in Wahrheit nichts anderes als ein ritualisierter Tanz um den heißen Brei, bei dem jeder Teilnehmer panisch versucht, seine Budgetverantwortung unsichtbar zu machen. Öffentliche Vernunft ist kein Marktplatz der Ideen, sondern ein Eimer ohne Boden, in den wir unsere kostbare Lebenszeit kippen, in der Hoffnung, dass das klatschende Geräusch am Boden wie Applaus klingt. Wenn Sie sich die Gesichter Ihrer Kollegen im „Weekly Stand-up“ ansehen, sehen Sie keine Bürger einer Res Publica; Sie sehen Geiseln, die insgeheim ausrechnen, ob ihr Kontostand noch für ein anständiges Abendessen reicht oder ob es wieder Dosenravioli sein müssen. Die sogenannte Öffentlichkeit im Business-Kontext ist lediglich die statistische Aggregation individueller Feigheit.

Die Krümmung der Inkompetenz

Lassen Sie uns für einen Moment so tun, als wären wir intellektuell zurechnungsfähig, und betrachten das Ganze durch die Brille der Informationsgeometrie. Die meisten Menschen begehen den fatalen Fehler, den Raum der Meinungen als euklidisch zu betrachten. Sie glauben, der Weg zwischen „Standpunkt A“ und „Standpunkt B“ sei eine gerade Linie, die man mit logischen Argumenten abschreiten kann. Lächerlich. Der Raum, in dem Organisationen operieren, ist eine Riemannsche Mannigfaltigkeit, und die Metrik, die hier herrscht, ist die Fisher-Information. Was bedeutet das für Ihren tristen Alltag? Es bedeutet, dass der „Abstand“ zwischen zwei Abteilungen nicht durch Fakten gemessen wird, sondern durch die Krümmung des Raumes, die durch pures Unverständnis und bürokratische Reibung entsteht.

Wenn Sie versuchen, in einem solchen gekrümmten Raum einen Konsens zu erzwingen, bewegen Sie sich nicht vorwärts, sondern im Kreis. Es ist wie der Versuch, einen Ketchup-Fleck auf einem weißen Hemd mit einem Papiertuch wegzuwischen: Physikalisch gesehen verteilen Sie die Information (den Fleck) nur auf eine größere Fläche, erhöhen die Entropie und ruinieren dabei das Hemd. Jedes „Meeting zur Abstimmung“ ist ein thermodynamischer Prozess, der wertvolle Energie in nutzlose Wärme – also heiße Luft – umwandelt. Die Geodäte, der kürzeste Weg zur Lösung, existiert zwar mathematisch, ist aber aufgrund der massiven Gravitation der Egos im Raum für Normalsterbliche unpassierbar. Wir navigieren nicht; wir treiben wie Totholz in einem Strudel aus Zuständigkeitsgerangel.

Der Systemfehler namens Empathie

Und dann kommt das Totschlagargument: „Wir müssen die Menschen abholen.“ Empathie. Teamgeist. Emotionale Intelligenz. Ich sage Ihnen, was das ist: Es ist ein Designfehler in der Firmware des Homo Sapiens, ein evolutionäres Relikt, das in komplexen Entscheidungsprozessen nichts zu suchen hat. Wenn ein Ingenieur eine Schaltung baut, lötet er keine Bananen hinein, nur weil die „weich“ sind. Aber in Organisationen tun wir genau das. Empathie im Entscheidungsprozess ist wie ein Kurzschluss in einem Toaster – es funkt kurz, man fühlt sich warm, und am Ende ist das Brot verbrannt und die Sicherung raus.

Dieses zwanghafte Nicken, dieses „Verständniszeigen“ für die völlig abstrusen Bedenken des Marketing-Praktikanten, ist keine Tugend. Es ist der Schleim, der das Getriebe verklebt. Jede Minute, die wir damit verbringen, eine „angenehme Atmosphäre“ zu schaffen, verbrennen wir Geld. Echtes Geld. Sehen Sie sich die Stundensätze der Leute an, die da sitzen und lächeln, während das Projekt gegen die Wand fährt. Wir erkaufen uns soziale Harmonie mit dem Ruin der Produktivität. Das Gehirn belohnt uns mit Dopamin, weil wir „zur Gruppe gehören“, während die Bilanz im Hintergrund leise wimmernd verblutet. Eine rationale Informationsgeometrie würde diese Ausreißer in den Daten gnadenlos kappen, aber wir laden sie stattdessen zum Mittagessen ein.

Ergonomie des Untergangs

Um diese kognitive Dissonanz zu ertragen – das Wissen, dass wir in einem sinnlosen System gefangen sind, das unsere Lebenszeit frisst –, flüchten wir uns in den Fetischismus der Ausstattung. Wir glauben, wenn wir nur das richtige Werkzeug haben, wird die Arbeit sinnvoll. Wir klammern uns an den ergonomischen Beichtstuhl, dessen Netzrücken angeblich unsere Haltung korrigiert, während unser Rückgrat moralisch längst gebrochen ist. Wir geben Tausende von Euro für Sitzmöbel aus, die für die Ewigkeit gebaut sind, nur um darauf E-Mails zu tippen, die eine Halbwertszeit von drei Sekunden haben. Es ist die ultimative Ironie: Wir polstern unseren Hintern, damit wir nicht spüren, wie hart wir auf dem Boden der Tatsachen aufschlagen. Wir sitzen in High-Tech-Thronen und regieren über ein Königreich aus Papierstapeln und nicht eingehaltenen Deadlines. Das ist keine Professionalität. Das ist Cargo-Kult.

Herr Ober! Noch ein Herrengedeck. Und schauen Sie nicht so mitleidig, das verträgt meine Fisher-Metrik heute nicht mehr.

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